Bike Northumberland

Die ganze Region gilt in England völlig zu Recht als Geheimtipp (Baedecker). Tatsächlich gibt es immer wieder wunderschöne Ausblicke auf Buchten und Inseln, verwunschene Ortschaften und einsame Strände. Allerdings ist es bei grauem Wetter nur halb so schön (was allerdings auch in Apulien oder sonstwo gilt). Nach zwei Erkundungstagen würde ich sagen, geheim ja, Tipp für eine Radtour nicht unbedingt. 
Die Strecke von Berwick-upon-Tweed bis nach Newcastle (rund 120 Kilometer) ist nicht so sehenswert, da die Straßen nur selten den Blick auf die Küste freigeben, meist führen sie tief durchs Inland, terribly bumpy roads, wo nur Schafe und Lämmer für etwas Abwechslung sorgen. Historisch ist Nordengland aber spannend. Ich will ja eh nicht das touristische England kennenlernen, sonst wäre ich nach Devon und Cornwall gefahren. Die historische Dimension einer Reise hat mich schon immer fasziniert, so war auf den Spuren der Kreuzfahrer der Krak des Chevaliers in Syrien eine unvergessenes Highlight (1981).

Berwick ist der einzige Ort in England, wo die schottische Fahne gleichberechtigt mit der englischen Flagge am Pub hängt. Es ist die Grenzstadt schlechthin, Frontstadt an der schottischen Grenze, und verfügt deshalb über einen in England einzigartigen Mauerring von 1560, der auch für europäische Verteidigungsanlagen wegweisend war. In 300 Jahren hat das Städtchen sechzehnmal das Land gewechselt. Heute ist die Stadt englisch, aber die Fußballer sind in der schottischen Liga geblieben! (Angeberwisssen vom Fußball Spezialisten Dr. Ian McMaster)
Die Stadt hat einen „austere charme“ (streng) aber der Radfahrer rollt bis heute gerne über die 15-bogige Steinbrücke, die 1634 eingeweiht wurde (englische Wertarbeit), über die Tweed weiter nach Süden. 

Auf der hübschen Insel Lindisfarne sind die Wikinger 793 in die Geschichte eingetreten. Die Geschichte der Nordmänner mit ihren Langbooten ist schier unglaublich. Sie sind nicht nur bis Island, Groenland und sogar Nordamerika gekommen, sondern haben auch die erste Russ gegründet und ihre Handelsrouten bis ans Schwarze Meer ausgedehnt. 
Hier haben sie der christlichen Welt erstmal ihr brutales Gesicht gezeigt. Der Angriff auf das Kloster Lindisfarne war der erste von Jahrhundertelangen Überfällen, nicht nur auf die englischen und irischen Küsten. Heute ist die „holy island“ für Touristen gut ausgebaut mit Klosterruinen, Burg und Besucherzentrum. Ein Highlight, das ich aufgrund der kommenden Flut leider nicht mehr ansteuern konnte. 

Unser Christentum in Deutschland hat seinen Ursprung an dieser Kirche – teilweise zumindest. Noch bevor England als Königreich entstanden war, hat der angelsächsische König von Northumberland (der hier von der nahen Burg Bamburgh herrschte) den Gelehrten Alkuin von York zum Hof Karl des Großen geschickt, um die heidnischen Sachsen zu missionieren. Da die schon damals als recht stur galten, musste Charlemagne mit dem Schwert nachhelfen… Bamburgh ist erst unter den Normannen im 11. Jahrhundert eindrucksvoll neu gebaut worden.  

Weniger bekannt aber eher eindrucksvoller finde ich die Burg Warkworth. Sie hat eine großartige Ausstrahlung und glücklicherweise war ein Espresso-Mobil mit italienischer Kaffeemaschine vor Ort. Ich war von der Fahrt schon einigermaßen erledigt, da der Gegenwind so stark war, dass ich ohne E-Unterstützung und vollem Krafteinsatz kaum 15 Km/h auf den Tacho gebracht habe. An manchen Stellen wollte ich schon zu Fuß weiter, frustrierend!
Da ist mir die Freude an den Hübschen Häusern und Gärten etwas vergangen und war heilfroh ins Motel One, im Zentrum von Newcastle anzukommen. Nicht nur mit bezahlbar, sondern absolut entspannt mit dem Angebot, auch das tapfere Rad im Zimmer übernachten zu lassen!