Newcastle-upon-Tyne gehört zu den ehemals führenden Industriemetropolen wie Manchester, Sheffield oder Leeds und erlebt angeblich einen neuen Aufschwung. Lonely Planet schwärmt von diesen „Post-industrial Cities“ „fizzing with new confidence and creativity“. Im Stadtmuseum Discovery Museum wird auch der neue Aufschwung beschworen: „Leisure, shopping and eating have replaced manufacture and shipbuliding“…
Jaaa, das ist sehr optimistisch. Als Besucher sieht man eher eine Stadt, die mit wirtschaftlichen Herausforderungen zu kämpfen hat – auch wenn sie inzwischen als Party Hauptstadt des Nordens gilt. Sie hat viele ehrwürdige historische Bauten aber leider auch zu viele massive Schandflecken der 60er und 70er Jahre sowie grobe Durchgangsstraßen dazwischen. Trotzdem lohnt der Besuch, wenn man sich einiges genauer anschaut.

Die sehr netten Maddisons in der Kathedrale sind typisch für die Hauptstadt des Nordens. Henry war in den 1630ern schon ein reicher Kohlehändler, dieselbe Kohle die Englands Aufstieg zur weltweit führenden Industrienation befeuern sollte. Seitdem ist „bringing coals to Newcastle“ so sprichwörtlich wie „Eulen nach Athen tragen“. Unter seiner Frau Elizabeth sieht man ihre 15 überlebenden von 17 Kindern (5 Mädels und 10 Jungs). Sie selbst ist mit 79 Jahren gestorben – die Frauen im Norden waren damals hart im Nehmen.


Die Brücken sind bis heute der Stolz der Stadt an der Tyne, Beweis der großen Ingenieursleistungen der Vergangenheit. Die spektakulärsten sind die High Level Bridge (Aufmacherbild) geplant vom Ingenieur Robert Stevenson und 1850 eingeweiht, die bis heute Fußgänger, Autoverkehr und Züge über den Fluss bringt. Mit seinem Vater George hatte er hie zuvor die erste Dampflokomotive der Welt für den Passagierverkehr gebaut. Und auch die erste in Deutschland eingesetzte Lokomotive, die „Adler“ (also eigentlich Newcastle Eagle), ab 1835 zwischen Nürnberg und Fürth.
Noch ikonischer ist die Tyne Bridge mit dem 1928 weltweit größtem Brückenbogen. Bau und Planung waren Leistungen, die bis heute Eindruck machen.


Die hier gebaute Mauretania war von 1907 bis 1929 das schnellste Schiff über den Atlantik. Im Discovery Museum sieht man zum Beispiel auch die Dampfturbine des hiesiegen Ingenieurs Charles Parsons. Mit diesem revolutionären Antrieb erreichte die Turbinia bereits 1897 einer Geschwindigkeit von von 34,5 Knoten, ungefähr 60 Kilometer pro Stunde, und war damit das schnellste Schiff der Welt. Über viele Jahrhunderte war die Stadt führend im Schiffsbau, bis 1988 die HMS Chatham als letztes hier gebaute Schiff vom Stapel lief. Auch in der Glas- und Porzellanindustrie war die Stadt lange ganz vorne dabei, schöne Beispiele sind in der Laing Art Gallery zu sehen.


Viele hübsche Ecken, große Auswahl an Pubs und Restaurants, viel Interessantes zu sehen. Aber gleichzeitig vieles, was nachdenklich stimmt. Die wirtschaftlichen Nöte sind sichtbar. Die Billigshops, Spielhallen und Leerstände nicht gerade ansprechend. Am Ende steht die Frage, wie kann man seinen Wohlstand und seine Führungsrolle so verspielen?

