müsste eigentlich viel bekannter sein, da der Ort wohlverdient UNESCO Welterbestadt ist und eine faszinierende Enzyklopädie des Fachwerkbaus. Auch die Lage am Rande von Deutschlands schönstem Mittelgebirge, dem Harz, ist ideal. Es wirkt sich leider ungünstig aus, dass der der Westen die DDR weitgehend ausgeblendet und bis heute Sachsen-Anhalt nur bedingt wiederentdeckt hat. Quedlinburg ist unbedingt einen Besuch Wert, auch wegen Lyonel Feininger.
Es ist wohl die größte und schönste Fachwerkstadt, die den Zweiten Weltkrieg unversehrt überstanden hat. Und eine schöne Einladung zum Bummeln, auch wenn man sich nicht für Baukunst begeistert. Mit über 1300 Baudenkmälern, inklusive Schloss und Stiftskirche, ist sie eines der größten Flächendenkmälern der UNESCO. Hier hat sich eine so hoch entwickelte Ausprägung des Fachwerkbaus gebildet, dass man von dem Quedlinburger Stil spricht.


Der besondere Reiz des Fachwerks liegt für mich in der Symbiose von ästhetischem Anspruch und sichtbarer Konstruktionslogik. Schon als Kind war ich ein Fan des alemannischen Stils (bestens zu bewundern in Bad Waldsee, Oberschwaben), der hier unverständlicherweise nur beiläufig erwähnt wird…
Dazu die unübertroffene Nachhaltigkeit des Baus: im Winter 1346/1347 wurden die Stämme für das heutige Fachwerkmuseum (Bild links unten) gefällt und das Haus wurde bis 1965 bewohnt! Zeitweilig von fünf Mietparteien in der beengten Wohnsituation der damaligen DDR. Über 600 Jahre Nutzung, das spricht für die Konstruktion.
Aktuell geht der Trend ja eher zum Abbruch nach 40-60 Jahren, zum Beispiel in München der Kasten der Bayrischen Versicherungskammer an der Isar, der Kaut-Bullinger, bald das Arabella Hochaus (75 Meter hoch, 150 Meter lang, da kommt Betonabfall zusammen…)


Das heutige Museumshaus ist keine Zierde, zeigt aber exemplarisch die Konstruktion der frühen Bauten. Hohe Ständer umstellen den Hauskörper vom Sockel bis zum Dach, durch sie werden dann Deckenbalken zu Unterteilung in Stockwerke „geschossen“. Innerhalb dieser Struktur kann dann Jahrhunderte lang gelebt, gearbeitet, gespeichert oder heute ausgestellt werden.
Schon früh entwickelt sich die raffiniertere Geschossbauweise: hier funktioniert jedes Stockwerk konstruktiv wie eine unabhängige Einheit, die über die anderen gestapelt werden kann.
Bald wird die Dekoration immer wesentlicher und es eröffnet sich ein wunderschönes Buch der architektonischen Eleganz, eine Enzyklopädie der Baustile bis ins 19 Jahrhundert hinein. Quedlinburg zeigt lückenlos von der Spätgotik bis zum Jugendstil wie sich Bau und Formensprache entwickelt haben, wobei die Blütezeit in der Renaissance liegt.


Die Zimmerer sind erst seit 1647 eine Zunft, nicht nur Bauleute sondern wahre Architekten, Statiker und Künstler. In Quedlinburg spezialisieren sie sich so weit und erreichen eine derartige Reputation, dass sie hier im 17. Jahrhundert ihr Werk mit ihren Initialen und ihrem Wappen signieren (oben links). Damit stellen sie sich in die Nachfolge Albrecht Dürers, der als erster Maler seine Schöpfung signiert hat.


Von dem ärmlichen Mief der DDR ist in dem schmucken Städtchen heute glücklicherweise nichts mehr zu spüren. Es gibt schöne Restaurants und besondere Cafés; einen Schuhladen, der auch den Sozialismus überstanden hat und edle Boutiquen, die auch den hohen Ansprüchen der Münchner Touristin gerecht werden.
Dass Sachsen-Anhalt sich wirtschaftlich und politisch schwertut, ist bei einem kurzen Besuch nicht offensichtlich – anders in Dessau-Rosslau, Heimat des Bauhauses, wo auch Feininger bis zu seiner Schließung durch die Nazis wirkte.


Ein weiteres Highlight ist das Lyonel Feininger Museum, der gebürtige Amerikaner, der wie kein anderer die Schönheit deutscher Kirchen und mittelalterlicher Städte in die Moderne übertragen hat. Interessanterweise konnte er sich nach seiner Flucht in die USA 1937 nicht für Amerikas skyscrapers begeistern, ihm fehlte dort die Inspiration der deutschen Architekturmotive. Das moderne und sehr sehenswerte Museum ist das einzige weltweit, das nur ihm gewidmet ist.
Allerdings zeigt ihn die aktuelle Schwerpunkt Ausstellung „Vier machen blau“ (bis 13. Juli) im Dialog mit Paul Klee, Alexej Jawlensky und Wassily Kandinsky. Ein faszinierender Einblick in die Vielfalt der Deutschen Moderne, der tatsächlich auf eine gemeinsame Vermarktung der „The Blue Four“ in den USA zurückgeht. Fachwerk meets Manhattan…
Fachwerkmuseum Ständerbau. Wordgasse 3.

