Englische Sommerfreude pur. Am östlichsten Punkt der Insel ist Lowestoft ein charmanter, fröhlicher Badeort. Am Schönsten ist es, auf den sonnengewärmten Bohlen des Piers, vorbei an Gelati und Cafés, an Kinderspielen und netten Kiosken, bis an die Spitze zu schlendern. Dort dreht man sich zurück, schaut auf fröhliche Kinder am Strand vor der eleganten Kulisse der viktorianischen Seafront. Dahinter warten schon hübsche Geschäfte, insbesondere ein Sportladen, wo der beste Rucksack seiner Zeit, der Berghaus Zyklops gekauft wird. England ist zum Glück günstig.
Ja, so war das 1976, das wollte ich noch einmal genießen! So eine gute Idee… Im Jahr 2026 an einem milden Juli Freitagabend ist alles nur grau in grau, runtergekommen, trist und ausgestorben. Der Pier ist unbegehbar, nur die Spielhalle, die ich damals schon schrecklich fand, ist in Betrieb. Die Hauptstraße mit ihren billigst Geschäften und charity shops wirkt ärmlich und ungepflegt. Ich bin im falschen Film gelandet.


Da fällt mir die rosarote Urlaubsbrille glatt von der Nase. Das ist der Lowestoft Blues. Ein tiefgrauer Schleier legt sich über die Brille, das könnte der Anfang einer England Depri sein…
Im Airbnb schaut Sue auch etwas traurig und meint: na ja, es hieß eine Zeitlang, dass Geld aus der EU kommen sollte, um die Stadt aufzupäppeln – aber dann kam ja der Brexit.
Tom von der Stadtreinigung, ursprünglich aus London, sagt mir, dass der Niedergang der Fischerei ein zusätzlicher Schlag war und freut sich, dass ich die Stadt nicht schmutzig finde.
Nichts steht so für die englische Sommerfreude wie der Pier – und heute kaum etwas so deutlich für den Niedergang. Schon in Hunstanton (in nahen Norfolk) war ich irritiert, dass der Pier nach einem Brand nicht wieder aufgebaut wurde. Später zeigt sich, dass er auch in Felixstowe gesperrt ist.

Dabei stand der Pier für Fortschritt. Mit dem rasanten Ausbau der Eisenbahn ab 1840 wurde das Seebad zum Massenphänomen. Auch die einfachen Menschen konnten in die Bahn steigen, um Sonne, frische See Brise und Unbeschwertheit zu genießen. Das Seebad wurde in Großbritannien ein neuer Städtetyp, nicht weniger als 61 dieser neuen Zentren bauten sich eine See- und Amusement-Brücke.
1976 waren unter den Gästen Scharen von Sprachschülern aus ganz Europa, die auch Segel- und Tenniskurse besuchten oder allerlei Unfug machten. Ich natürlich nicht, ich hatte schon damals ein schnelles Rad gemietet, um über die goldenen Hügel East-Anglias zu fliegen.
Auf der folgenden Etappe der aktuellen Reise habe ich zum Glück noch einen Pier im klassischen fröhlichen Glanz ausfindig gemacht (unten).



Im etwas südlicheren Southwold, mit Gelati und Schokofontäne, nettem Andenken Kiosk vor dem Café und schönem Blick von der Platform zurück auf einen bunten Urlaubsort. Vor lauter Begeisterung ist eine Aufnahme von mir entstanden, ähnlich wie 1976 (bis auf die Brille natürlich)
Auch die Weiterfahrt war schön, mit einem netten Fähren-Erlebnis, so dass ich dabei war, mir sagen: na ja, Lowestoft ist ja nicht England.


Am Abend kommt im „schönen“ Ipswich doch die England Depri. Laut Baedecker zählt Ipswich zu diesen schönen historisch bedeutenden Städten, die sich lohnen. Das neue Viertel an der Waterfront ist tatsächlich überzeugend. Aber die Innenstadt bietet wieder das schon zu oft gesehene traurige Bild, dazu noch zum ersten Mal mit vielen aggressiven, laut grölenden Gestalten…
Wie sieht so eine triste Innenstadt aus? In der Reihenfolge der Häufigkeit: Charity shops und Money converters/Pawn shops ; Barber und Vape shops ; System Gastronomie inkl. Caffè Nero ; Leerstand mit verrammelten Fassaden in ehemals noblen Häusern…


Am Ende festigt sich der England Eindruck: veraltet, trist, abgehängt. Ja, harte Aussage, aber das ist die Zusammenfassung nach 19 Tagen und rund 1000 Kilometern vor Ort. Die Geschäfte der Innenstädte spiegeln die Abwesenheit von zahlungsfähiger Kundschaft. Hotellerie und Gastronomie sind auch meist arg in die Jahre gekommen. Von wirtschaftlicher Dynamik ist keine laue See Brise zu spüren.
Wie mir ein Deutscher auf der Fähre sagte: „in Cambridge sieht es ganz anders aus“. Ja und in anderen Gegenden der upper class auch, schon klar. Die Elite Uni ist aber nicht das normale England. Natürlich gibt erst viele schöne Dörfer und besondere Orte, diese sind aber eher die Ausnahme.
Auch die letzte Etappe von Hoek van Holland bis Utrecht (85 Km) hat mir den himmelhohen Unterschied eindrucksvoll bestätigt. Hier ist die dynamische Wirtschaft sofort zu spüren, ein moderner Produktions- und Gewerbebetrieb reiht sich an den anderen. Auch in einem namenslosen Städtchen gibt es schöne Geschäfte und einladende Gastronomie.
Dazu überall fröhliche junge Menschen (wo waren die denn in England?). Und auf den Rad-Autobahnen, perfekt beschildert, flutschen die Kilometer locker runter, vorbei an Gärten mindestens so schön wie auf der Insel. Ja, Holland könnte ein heißer Tipp für die nächste Radreise sein!



