… aber zu wenige, fröhliche Eis-Pausen! Der Tacho zeigt vor der Fähre Harwich-Hoek van Holland ziemlich genau 1000 km an, von Berwick-upon-Tweed an der schottischen Grenze über Liverpool im Westen bis zu Suffolks Küste im Südosten. 19 Tage vor Ort. Wie war’s im Rückblick? Gehört Little England auf die bucket list?
Zu den täglichen Freuden der Etappen gehörten wunderbare Wälder, kühl und verwunschen im warmen und regenfreien englischen Sommer, die ruhigen Ausblicke über wogende Kornfelder, hübsche Dörfer und die so vielseitige und charmante englische Architektur.


Dieses Volksfest in Suffolk war so perfekt wie eine Inszenierung für die britische Krimireihe Inspector Barnaby. Fröhliche Menschenscharen, inklusive einiger Exzentriker, ein Chor sehr jung gebliebener Ladies, Kinder mit großen Augen im Anblick des Zauberers… das Idealbild der Grafschaft Midsomer. Hier fehlte nur, dass der Zauberer plötzlich zweigeteilt hinter der Bühne gefunden wird… und natürlich der Auftritt des Detective Chief Inspectors mit seinem Assistenten.
Leider war dieses Bild des fröhlichen, bunten und unbeschwerten Englands etwas, was ich nur ausnahmsweise erlebt habe.


Don’t pay the Ferrywoman… in den Broads, dem großen Naturschutzgebiet zwischen Norwich und Ostküste, durfte ich eine der letzten Kettenfähren Englands benutzen. Der Fährmann Steve erzählte, es sei ein Traumjob, aber im Winter wenn das Eis sich um die Ketten legt, doch weniger gemütlich. Dafür sei der Sternenhimmel wunderbar. Es muss aber auch an Weihnachten Dienst geschoben werden, weil einige sich einbilden, noch den Pub gegenüber aufzusuchen…


Eher unerwartet am Ende des Hafens von Southwold: der Fährmann ist eine Frau (mit schmaler Fährlady in Ausbildung), die mit einer großen Barke angerudert kommt und ohne jegliches Zögern mein beladenes Rad quer in die Barke bugsiert und noch eine 5-köpfige Familie dazu!
Die großen Highlight der Reise waren die zwei Tage entlang Hadrian‘s Wall von Küste zu Küste, sowohl historisch spannend wie auch landschaftlich wunderschön. Auch der viel besungene Lake District war zwar physisch sehr anspruchsvoll aber landschaftlich umwerfend schön (Berichte oben).

Liverpool ist eine Whow! Großstadt mit gigantischer Bausubstanz – Zeugen einer großartigen Vergangenheit – tollen Museen und quirligem Stadtleben: ein top Tipp! Hier lohnt sich unbedingt eine Stadtführung – nicht nur für Beatles und Party Fans.

Für mich war auch die Ausgrabungsstätte Sutton Hoo ein Highlight, sie zählt in England zu den Top 10 der historischen Orte (Bericht oben).
Sehr sehenswert waren natürlich auch die vielen schönen Kirchen und Kathedralen, insbesondere in Lincoln und Norwich (Bild unten) und viele weniger bekannte auf der Strecke.
Falsch von mir war sicher, dass ich die vielen eindrucksvollen Burgen und Landsitze mit ihren Gärten, die ja bekanntlich alle 30 km auftauchen, habe links liegen lassen. Schließlich ist das schon die Hälfte des englischen Tourismus-Kapitals.

Ein hoch auf die Technik! Zum ersten Mal bin ich jede Etappe durchweg mit dem Navi gefahren, dem Hammerhead Karoo nach Planung am Computer mit Komoot, und das war tatsächlich eine riesige Erleichterung. In England gibt es kaum Radwege und wenig Beschilderung, aber die geplanten Routen waren spielend leicht zu finden, das hat unterwegs so richtig Energie gespart!
Hat sich England also gelohnt? Vielleicht muss man erwähnen, dass die Reise recht aufwendig war. Zwei Züge und Übernachtung bis Amsterdam, Fähre mit Pflicht-Kabine bis Newcastle (ähnlich zurück), Stromadapter kaufen und täglich durchweg hohe Preise für bescheidene Qualität…
Entscheidend für mich ist aber, dass ich vor allem eine gedämpfte, zurückgenommene Stimmung erlebt habe. Als ob die Enttäuschung über den Brexit und die Verschlechterung der Wirtschaft sich über das Land gelegt hätte. Vom britischen Humor habe ich eigentlich nichts gemerkt und bin nie wirklich ins Gespräch gekommen. Auch die viel berühmte gerühmte Pub Kultur habe ich nicht als besonders offen erlebt.
Insgesamt kann ich also schon nachvollziehen, dass dieses England ohne London und Cornwall/Devon nicht gerade zu den klassischen touristischen Zielen zählt.


