Die Strecke von der Industriestadt Liverpool im Nordwesten bis an die Südost Küste ist nicht allzu spannend – sonst hieße sie ja britische Toskana. Die drei Etappen waren aber interessant, unabhängig von einer der schönsten Kathedralen überhaupt.
Majestätisch thront sie über der mittelalterlichen Stadt, es ist eines der eindruckvollsten Stadtbilder, die England zu bieten hat. Die Kathedrale von Lincoln gilt als eines der bedeutendsten Meisterwerke der Gotik in Europa. Mit etwas Glück leuchtet sie warm goldgelb in der Abendsonne. Die schönen Details der mächtigen Fassade kann man lange genießen und mag kaum glauben, dass sie nur Englands viertgrößte ist.


Trotz der gewaltigen Außenlänge von 160 Metern ist der räumliche Eindruck innen nicht ganz so überwältigend, da der mittige Chor und der schöne Lettner den Raum massiv reduzieren.
Das Jews House (oben rechts) erinnert daran, dass jüdische Kaufleute hier in der Stadt des Tuchhandels gut etabliert waren, bis es 1290 zu einem Pogrom kam und alle Juden auf königlichen Befehl das Land verlassen mußten. Auch hier gibt es eine sehenswerte Burg, ab 1068 errichtet unter Wilhelm dem Eroberer Wilhelm (aus der Normandie) höchstselbst.


Landschaftlich ist der Osten Englands mit South Holland etwas eintönig. Ich war im so quirligen Liverpool in den Zug gestiegen, um diese riesige Industrieregion (vergleichbar unserem „Pott“) zu umfahren. 130 Km durch Manchester und Sheffield bis Doncaster. Die Bahnhöfe sind übrigens in England sauber und stilvoll – und das Studium der elektronischen Tafeln zeigt nur pünktliche Züge.
Die Radstrecke nach Lincoln ist angenehm flach, weite Felder, nichts bewegt sich… Erst die letzten 10 Kilometer vor der Stadt werden hügelig mit sehenswerten Häusern und Dörfern. Bei so einer Radtour muss man Freunde mitbringen an den phantasievollen Varianten der typisch englischen Architektur, am Reihenhaus auch auf dem Land, der Doppelhaus-Reihe, dem herrschaftlichen Landsitz oder dem Mini-Häuschen. Das trägt für viel zum Charme der Radtour bei.

Nach Lincoln wird es bald wieder flach und eintönig, glücklicherweise viel an Kanälen entlang, bis man kapiert: das ist eine dieser Landgewinnungslandschaften, in diesem flachen und sumpfigen Küstenland, das auch im altenglischen als „holland“ bezeichnet wurde. Die Fens von Holbeach zum Beispiel wurden schon im 12. Jahrhundert urbar gemacht.
Tatsächlich aber haben die Engländer dann im 17. Jahrhundert niederländische Spezialisten ins Land geholt, die mit Deichen, Windmühlen und Kanälen große Flächen trocken gelegt haben. Auch die Spezialisierung der Region auf Blumenzüchtung geht auch auf sie zurück.

Boston ist eine kleine Entdeckung. Der hohe Kirchturm kündigt die Stadt schon lange vorher an, 81 Meter, die tatsächlich den Handelsschiffen Orientierung geben sollten. Es ist eine der größten Gemeindekirchen Englands und hat auch ein sehr gutes Café (während der Messe geschlossen). Namensgeber ist der Heilige Botolph (610-680), der Schutzheilige der Reisenden, deshalb eine Kerze für ihn! Er hat vermutlich der Stadt ihren Namen gegeben: aus Botholph’s Town wurde Boston.
Dann wiederum mußten etwas zu extreme Protestanten, die von John Winthrop angeführten Puritaner die Stadt verlassen. Sie haben dann 1630 Boston und die Massachussetts Bay Colony gegründet – mit Winthrop als erstem Gouverneur. Was vor Ort leider nicht zu lesen ist.
Die funktionsfähige Maud Foster Windmill ist eine historische Anlage von 1819 und steht am Anfang des wirtschaftliche Erfolgs der Familie Reckitt und des englisch-deutschen Konzerns Reckitt-Benckiser (seit 2021 nur Reckitt).
Klingt das alles etwas bemüht? Wie das mit der Begeisterung für England und die Engländer:innen ist, muss ich noch klären…


Das unscheinbare King’s Lynn ist eine Hansestadt. Man könnte leicht daran vorbeifahren, doch das Städtchen zählte um 1215 zu den vier größten Häfen Englands und war King John’s Liebling, da sie entsprechend Steuern einbrachte. Die Hanse hatte hier ab 1271 einen Stützpunkt.
Neben vielen schönen Gebäuden gibt es im alten Rathaus aus dem 15. Jh. eine schöne Ausstellung Stories of Lynn. Es ist Englands ältestes Gebäude dieser Art. Dort erfährt man von einem Zeppelin Angriff oder von dem „ducking stool“ mit dem unbeherrschte Frauen im Hafenbecken etwas runtergekühlt wurden. Es wird nicht erklärt, warum die Tradition vernachlässigt wurde.


Ein wunderschöner englischer Urwald führt hoch zu Charles III, zu dem Familiensitz Sandringham. Kein Palast, sondern ein bequemer Landsitz des 19. Jh., wo man gerne Weihnachten feiert. Das Beste an diesen Sehenswürdigkeiten ist immer der Museumshop und das Café, auch Könige müssen schauen wo sie bleiben. Die Bücher über die Monarchie, auch die „moderne Monarchie“, machen einen sehr erbaulichen Eindruck.

Aber streng genommen bin ich fehl am Platz in England. Wenn man hierher kommt, muss man mit Begeisterung jedes hochherrschaftliche Adelshaus, jeden Garten und jede Burg besichtigen. Dann hat man gefühlt alle 20 Kilometer ein Highlight. Ich habe aber die großen Burgen in Wales schon auswendig gelernt und das ganze Adelsbrimborium brauch ich nur in homöopathischen Dosen…

Schon bald leuchtet das Meer, oder besser der Sand bei Ebbe und die schönen Caravan Parks… Das fröhliche Seaside Leben an Norfolks Küste kündigt sich an. Das ist aber eine andere Geschichte.



