Zwei Tage lang, von Küste zu Küste, bin ich dem Hadrian‘s Wall gefolgt: 118 Kilometer entlang der großen Mauer durch den Norden der Insel, so gigantisch, dass es nicht nachvollziehbar ist, wie so etwas je gebaut werden konnte. Und bis heute eine Belastung für Britannien, dazu später mehr. Es ist eine sehr schöne Rad- und Landschaftsstrecke und ein bewegendes Rom-Erlebnis.
Sechs Meter war die Mauer hoch (von Newcastle bis Carlisle/Solway Firth), gespickt mit Milecastles (bemannten Wachtürmen (Bild unten mit Nachbildung) und großen Kastellen. Freilich ist von der Mauer selbst nur noch selten etwas zu sehen, dafür kann man ein halbes Dutzend Forts mit eindrucksvollen Museen besichtigen.
Nach dem Großraum Newcastle wird die Landschaft bald idyllisch. Es geht die Hügel hoch, weil die Römer die Anhöhen geschickt für ihre Verteidigungslinie genutzt haben. Charmante Straßen gesäumt von weiten Schafweiden – ab und zu lädt auch hübsches Dorf zur Pause.


Den Bau der nördlichen Grenze des Imperiums hat Kaiser Hadrian anlässlich eines Besuchs im Jahr 122 begonnen. Es war die grundsätzlich vernünftige Idee, das Imperium zu konsolidieren, nachdem es unter Trajan (bis 117) seine höchste Ausdehnung erreicht hatte.
Zum Bau gehören 18 massive Kastelle, Standardmodell im Reich, so Housestead (Vercovicium), komplett mit soliden Steinkasernen für 800 Infanteristen (Kohorten aus Mauretania, Aquitania, Dacia – Rumänien…), mit Kornkammern oder auch großen Latrinen. Natürlich auch eine luxuriöse Villa für den „Praefectus“, den Kommandanten und seine Familie (mit Fußbodenheizung, Standardmodell nördlich der Alpen).
Wie lange hat der Bau gedauert? 300 Jahre? Nicht die Nutzungsdauer ist gefragt, er wurde in unvorstellbaren 10 Jahren fertiggestellt! Drei Legionen waren nach Norden gekommen um Steine zu klopfen und Mauern hochzuziehen. Doppelt so schnell wie der Stuttgarter Hauptbahnhof! (hätten sie dort auf die bewährten Stellwerke aus der Kaiserzeit gesetzt, die man ja in Germanien kann, wäre der vielleicht schon fertig…)


Was war dann der Fehler? Zum einen der Aufwand, nicht nur für den Bau. Das sehr eindrucksvolle Kastell Chesters (Cilurnum) zum Beispiel (oben) war Sitz des 2. Asturischen Kavallerie Rgt., die berittene Elite – was Gäste aus Spanien sehr erfreut hat. 500 Kavalleristen und 500 wertvolle Pferde waren dauerhaft dort stationiert. Natürlich hat das gekostet, man rechnet mit 12 Kilo Getreide pro Tag und Gaul, sprich 600 Tonnen Getreide im Jahr nur für die Rösser, das muss man erstmal produzieren und anliefern! Dieser Aufwand könnte zur Erschöpfung Roms beigetragen haben.
In Chesters ist auch die besterhalten Saunaanlage zu sehen (oben), mit heiß trockenem Raum, heißem Schwitzraum und allem, was sonst so dazugehört.
Der eigentliche Fehler war schon früher passiert. Nachdem Caesar Gallien erobert hatte, landete Claudius 43 n. Chr. im Süden Englands, um die ganze Insel zu erobern. Dabei war eigentlich absehbar, dass in England nicht viel zu holen war, außer Schafen und Zinn vielleicht, aber keine Moselweine zum Beispiel.
Im Jahr 87 sind die römischen Truppen tief ins schottische Hochland eingedrungen. Dann will General Gnaeus Julius Agricola die Sache abschließen nach seinem Sieg am Mons Graupius (83). Let’s geht the job done! Die übrigen Pictenstämme im Norden niederzuwerfen ist nur noch eine Formsache, die gesamte Insel kann unter römische Herrschaft kommen.
Doch dann kommt die Entscheidung, die Britannien bis heute prägt. Kaiser Domitian stoppt swn ehrgeizigen General, zieht sogar eine Legion aus England ab! Wahrscheinlich haben die Germans in Europa wieder Stress gemacht, aber den genauen Grund weiß man nicht mehr.
Rom zieht sich weit zurück auf den heutigen englisch-schottischen Grenzbereich und wird deshalb die nächsten 280 Jahre mit dem Problem einer vermeidbaren und kostenintensiven Nordgrenze und aggressiven Picten zu tun haben.
In den Jahren 406-410 geben sie England dann ganz auf, schade um die schönen Villen und die neuen Städte, die um die vielen Castri (Kastelle) gebaut wurden und deshalb mit
-chester (Colchester, Manchester) oder -cester enden (Leicester)…
Seitdem ist die Grenze in diesem Bereich geblieben (heute etwas nördlicher). Über viele viele Jahrhunderte haben sich Schotten und Engländer die Köpfe eingeschlagen, die Menschen im Grenzgebiet wirken bis heute etwas bedrückt…
Zwei Nationen haben sich durch Hadrians Mauer gebildet. Es ist nicht auszuschließen, dass nochmal ein Referendum kommt und die Schotten diesmal die Chance für den Austritt aus der britischen Union nutzen. Schon jetzt treten die „Bravehearts“ bei der Fußball WM mit einer eigenen Mannschaft auf, was die Chancen der Inselkicker nicht gerade erhöht.
Das sind jedenfalls meine Überlegung zur römisch-englisch-schottischen Geschichte.


Die Besichtigungen sind sehr eindrucksvoll, auch Vindolanda und das Roman Museum in Greenhead gehören auf die Liste, Birdoswald muss eher nicht. Jedes Fort hat ein Museum und einen anderen Schwerpunkt (wobei ich ja Radfahren musste und nicht alle besucht habe. Der Schwabe zahlt auch nicht sooo gerne viermal am Tag 15 Pfund Eintritt plus 8 Pfund für Espresso und Scone.., Nein es gibt kein Gesamtticket).
Also eine klare Empfehlung für das Airbnb in Bardon Mill (oben rechts) und für Hadrian‘s Wall – aber nicht zu Fuß. Ich habe wiederholt gehört, dass seit dem Brexit die Mittel fehlen und Wege zuwuchern und Wegweiser fehlen.

