Un Allemand au Panthéon

Das Panthéon ist eine etwas verkannte Sehenswürdigkeit in Paris, dabei hat der Ehrentempel der Republik viel über Frankreichs Selbstverständnis zu erzählen. Darüber hinaus hat er durch den dauerhaften Eintritt des deutschen Künstlers Anselm Kiefer ein spannendes Highlight dazu bekommen. Es lohnt sich, auch hier einmal genauer hinzuschauen. 

Kirche ohne Gott. Schon das Gebäude im Quartier Latin lohnt den (kleinen) Umweg. Es sollte die spektakulärste und modernste Kirche von Paris werden, Ludwig XV hatte sie aufgrund eines Gelübdes als „Sainte Geneviève“ in Auftrag gegeben. Doch war sie 1789 noch nicht ganz fertig, als die Revolutionäre Gott und Kirche insgesamt abgeschafft haben! Dafür haben sie allerdings die universellen Menschenrechte durchgesetzt.

Der neue Kult der (Halb)Götter der Nation wurde 1791 etabliert. Seitdem trägt der Dreiecksgiebel die Inschrift „Aux grands hommes la patrie reconnaissante“ (Den großen Männern – das dankbare Vaterland). Schon bald waren die gotteslästerlichen Philosophen Voltaire und Rousseau unter den ersten auf diese Weise geehrten Söhnen der Nation. Es gab später noch zwei Versuche der Konservativen, die Kirche hier wieder einzusetzen, doch seit der feierlichen Beisetzung des Nationaldichters Victor Hugo 1885, ist es endgültig der Ehrentempel der Nation. 

Bis heute besticht der Entwurf des Architekten Jacques-Germain Soufflot durch seine elegante Größe. Radikal neu war damals die Kombination der Schlichtheit der griechischen Antike mit der zum Himmel strebenden Leichtigkeit der Gotik. Die Kuppel, hochgesetzt auf einem lichten Säulen-Tambour, ist bis heute die höchste der Hauptstadt. 

Anselm Kiefer gibt dem Panthéon eine neue Dimension. Es ist das erste Mal seit 100 Jahren, genau seit 1924, dass eine staatliche Bestellung das Erscheinungsbild des Ehrentempels erneuert. Das großartige Raumgefühl und die Historienschinken mit Jeanne d’Arc und Charlemagne bleiben unverändert, doch Kiefers Werke verändern es sehr. Seine sechs großen Schaukästen sind moderne Kunst, die aufwühlt. Ihre grobe Materialität setzt einen brutalen Kontrapunkt zu den griechisch inspirierten Säulen und Heldenstatuen.

2020, anlässlich der feierlichen Beisetzung von Maurice Genevoix, Autor von Ceux de 14 (Jene von 14, also die Soldaten des Ersten Weltkriegs) bringt Kiefer seine Vision des Krieges in den Ehrentempel. Es ist sein ureigener Stil, groß und grob, voller Zement, Dreck, Blei, rostigem Eisen, blutgetränkt. Er entscheidet sich, die Apokalypse spürbar zu machen, das sinnlose Sterben und Hoffnungslosigkeit.
Diese Neugestaltung geht, wie so oft in Frankreich, auf die einsame Entscheidung des Präsidenten zurück. Macron hat Kiefer, der seit 1993 in Frankreich lebt, ausgewählt und öfter bei Paris besucht und spricht von einer „main tendue de part et d’autre du Rhin“ (ausgestreckte Hand jenseits des Rheins).  Für seine monumentalen Arbeiten unterhält der Künstler in Südfrankreich ein Fabrikgroßes Atelier „La Ribaute“.

Macron wollte die Soldaten dieses Krieges ehren, spricht von Heldentaten, Hoffnung, Kameradschaft, geteiltem Leid und gemeinsamen Liedern, doch davon ist bei Kiefer nichts zu spüren. Er zeigt die Apokalypse. Eine Welt ohne Menschen und ohne Hoffnung, ein von Blut getränkter Boden auf dem höchstens Klatschmohn wächst, Symbol der Kurzlebigkeit, der ganz schnell welkt und stirbt. Zwischen Betonblöcken und Stacheldraht tauchen auch Kornhalme auf, aber Kiefer definiert sie nur als Symbol für die Ernte der großen Todesmaschine.
Das Hoffnungsvolle, ja oft poetische im Werk Genevoix’ hat Kiefer nicht zeigen wollen.
Im Hintergrund erklingt Musik mit den Namen vieler Soldaten, dieses musikalische Werk von Pascal Dusapin ist Bestandteil der Neugestaltung. 
Die grobe Schönheit der Schaukästen Kiefers harmoniert erstaunlich gut mit den griechischen Säulen – auch wenn sie einen starken Gegensatz bildet zu den alten Helden wie Napoléon, den Generälen und anderen hier geehrten Kriegstreibern.

Unten in der Krypta, wo über 80 große Franzosen beigesetzt wurden, wird man von einem lebensgroßen Voltaire begrüßt. Ansonsten ist es eine große Grabanlage, die man am besten am Computerbildschirm erkundet, um zu sehen, wer hier alles ist. Die Revolutionäre Mirabeau und Marat sind nicht zu finden, sie wurden wieder entfernt, nachdem sie posthum in Ungnade gefallen waren. Viele Namen sagen auch den Franzosen nichts mehr, weil ihre Karriere als Politiker oder Wissenschaftler zu weit zurück liegt. Der Architekt Soufflot darf übrigens auch in seinem Werk ruhen. 

Entgegen der guten alten Tradition „Aux grands hommes“, wurde bereits 1995 die erste Frau aufgenommen, die Physikerin Marie Curie, neben ihrem Mann Pierre. Ein paar mehr sind dazu gekommen, wie die Politikerin Simone Veil, für ihren Kampf für die Frauenrechte. Eher überraschend: a girl from Saint-Louis, Missouri, Josephine Baker! Die in Paris gefeierte Tänzerin wurde auch zur Heldin der Resistance und Figur des Kampfes gegen Rassismus. Vielleicht kommen ja in den nächsten Jahren noch ein paar weitere Frauen dazu… 
Und noch vier Kurztipps

Le deuxième Allemand qu’il faut voir à Paris. Aber très vite, TGV! Nur noch bis zum 2. März. Die erstaunlich komplette Gesamtschau von Gerhard Richter (allerdings ohne seine Heldenbilder der DDR bis 1961), seine lebenslange Auseinandersetzung mit figürlicher Darstellung und Abstraktion (oben rechts: Twin Towers), schön und gut nachzuvollziehen. Und natürlich ist das Gebäude Frank Gehrys der Fondation Vuitton allein schon den Besuch wert (Metro Linie 1, Haltestelle Les Sablons und 10 Minuten zu Fuß). Da hat der Milliardär Bernard Arnault Paris sehr bereichert. 

Le deuxième bâtiment de Bernard Arnault qu’il faut voir à Paris. Das andere Gebäude, das Paris ihm zu verdanken hat, ist das perfekt renovierte Kaufhaus Samaritaine, wunderbarer Jugendstil, das so viele Jahre dem Verfall preisgeben war. Es liegt so zentral (gegenüber der Spitze der Île de la Cité, Métro Pont Neuf), dass man und vor allem Frau mal reinschauen kann. Es finden sich auch bezahlbare Marken.

Zum Abschluss, zwei Klassiker auf besondere Empfehlung meiner Frau. Das Musée Picasso in einem wunderschönen Adelspalast aus dem 17. Jahrhundert im Marais. Werke, die er behalten wollte, sind nach seinem Tod an den Staat gegangen, um die Erbschaftsteuer zu begleichen. Und später zum Abschluss des Tages, eine wunderschöne Bootsfahrt auf der Seine (zum Beispiel mit den Vedettes du Pont Neuf), mit Apéro und beleuchtetem Eiffelturm. Auch ein Genuss.