Als Reisender sieht man ja viel, rätselt aber auch sehr viel über die Lebenswirklichkeit der Menschen, wie sie leben und arbeiten. Auf der Radstrecke seit Sizilien habe ich rund 17,7 Millionen Olivenbäume gezählt und mich immer wieder gefragt, wer denn so viel Öl verbrauchen soll? Wäre nicht Wein- und AperolSpritz Anbau ertragreicher? Und wo stehen die Heere der Landarbeiter, die hier ernten und vor allem die Bäume zurückschneiden sollen? Deshalb habe ich mich richtig gefreut, dass Agostino Petroni, der Junior Chef (und Journalist) der wunderbaren Bio Masseria Lama de Luna, gelegen zwischen Trani und Castel del Monte, bereit war, auch meine weniger klugen Fragen zu beantworten.

„Mein Vater hat hier oben in der kargen Murgia Ende 1991 diese 200 Hektar Land und die verfallene Masseria gekauft. Damals hat er die ersten 10 000 Olivenbäume und 10 000 Weinreben gepflanzt aber vor allem hat er einen artesischen Brunnen bohren lassen, 535 Meter tief. Das Pumphaus ist essenziell, „è il cuore dell’azienda“. Ohne Bewässerung keinen ordentlichen Ertrag. „Da schau, bei diesen Bäumen hier, hat er die „subirrigazione“ eingerichtet. Die Schläuche liegen 20 bis 30 cm tief und versorgen die Bäume optimal, ohne Verluste. Das war damals sehr innovativ“.
Gibt es denn keine Überproduktion? (weniger kluge Frage) „Nein. Der Markt für Spitzen Qualität ist da. Spanien ist der erste Produzent vor Italien. Letztes Jahr hatten sie Probleme mit der Trockenheit, da haben wir schon von der höheren Nachfrage profitiert“. Also ein guter Markt. „Aber natürlich gibt es immer Unsicherheiten. Vor zwei Jahren ist am 4. April ein heißer Wind mit 30 Grad gekommen, der hat uns alle Blüten verbrannt. Das war ein massiver Produktionsausfall.“

„Für meinen Vater war als Agronom das Thema Bio von Anfang an wesentlich. Er hatte sich zuvor mit den Giften der konventionellen Tomaten Produktion gesundheitliche Probleme eingehandelt. Von der Chemie wollte er ganz weg“.
Später sehen wir den Hain des Nachbarn: „Schau den Boden an, radikal mit Giften behandelt, da wächst nichts mehr zwischen den Bäumen…“
Wichtig ist natürlich auch die „diversificazione„. Die Masseria mit den Touristen ist wichtig für unseren flusso di cassa, sonst müssten wir das ganze Jahr warten bis das Geld nach der Ernte einmal im Jahr kommt…“ Ganz grob steht die Olive für knapp 50 % des Geschäfts, die Masseria für 30 %, dazu der Wein und die fast unbedeutenden mandorle.

Eine enorme Investition für ein schwieriges Geschäft. „Ja, der nonno (Opa) hat damals meinen Vater für verrückt erklärt. Er hat sich dann sehr lange geweigert, uns zu besuchen. Und am Anfang hatte mein Vater eine richtig harte Phase, mit Kriminellen, die Schutzgeld erpressen wollten. Sie haben Pflanzen beschädigt und eine Bombe gelegt. Mein Bruder und ich mussten sogar drei Monate in der Toscana untertauchen. Das wussten wir damals natürlich nicht….“


Und wer erntet das alles? „Wir ernten direkt vom Baum, also frisch und sauber in die Presse für höchste Qualität. Und das geht zum Glück maschinell, mit dem scuotitore a umbrello inverso.„. Also mit einem Traktor, der eine Art umgekehrten Regenschirm um den Baum herum legt, dann den Baum schüttelt und die Oliven im Schirm sammelt!
Noch besser geht es neuerdings mit der Sorte Favolosa, die jetzt als Strauch angebaut wird (Bild nach seinem Porträt). Die wird sowohl maschinell geerntet, wie auch maschinell zurückgeschnitten. Der Betrieb hat 20 festangestellte Landarbeiter – und die sind heutzutage sehr schwer zu finden – deshalb ist die Mechanisierung wesentlich.
Agostino ist offensichtlich zufrieden und stolz, hier in dieser schönen Natur zu arbeiten. Er hatte große Erfolge als Journalist auf den Spuren von Tiziano Terziani (Ausbildung an der Columbia University, BBC, Guardian, The Atlantic…) und arbeitet weiter als Journalist, wenn die Zeit es erlaubt. Aber Massa di Luna ist ein wunderbarer Betrieb, die Arbeit abwechslungsreich und lohnend mit Ulivi, Turisti und guten Vini… Aber auch der Druck der Verantwortung ist auch zu spüren. Welche Wetterkapriolen kommen als nächstes wieder? Und schlimmer, die Pest der Oliven verbreitet sich in Apulien… Das ist aber die nächste, traurige Geschichte.

