Santo Pio

Neben dem Papst ist er der wichtigste Geistliche für die Menschen Süditaliens – und das nicht erst seit er 2002 heiliggesprochen wurde. Wie unglaublich präsent dieser Mann ist, in Hotels, Geschäften, Straßenaltären, fand ich schon in den 80er Jahren erstaunlich. Warum spricht dieser Padre Pio die Menschen so an? Als sich die Gelegenheit ergab, habe ich trotz brütender Hitze keine Sekunde gezögert, die 9 Kilometer und 670 Höhenmeter hinauf in seine Kirche zu radeln.

Der Ort San Giovanni Rotondo liegt zwar im Kalkstein Gebirgsstock des Gargano, ist aber erstaunlicherweise kein Dorf, sondern ein weitläufiges und offenkundig wohlhabendes Städtchen. Es gilt auch als der größte Wallfahrtsort Europas (!) mit rund 7 Millionen Besuchern im Jahr. Ich wurde glücklicherweise nicht von Reisebussen abgedrängt, aber die Gruppe in meinem Hotel kam aus Indien! Und ein Paar, für das ich im Café übersetzt habe, war aus Indonesien. Wahrscheinlich haben da Kapuziner Brüder Pios eine Rolle gespielt.

Natürlich gibt es hier viel zu sehen, wenn man an den mehr oder weniger geschmackvollen Souvenirläden vorbei ist: das alte Kirchlein aus dem 16. Jahrhundert, die moderne Kirche aus den späten 50er Jahren (oben links), den schönen Kreuzweg und vor allem die neue Kirche von Renzo Piano (schon im Juli 2004 eingeweiht, ca. 6000 Sitzplätze). Ein riesiger Bau aber im Geiste der Kapuziner bescheiden, in Form einer Muschel unauffällig in die Landschaft eingebunden und voller schöner Symbolik.
Höhepunkt ist der Gang in die Krypta, zur Reliquie. Seit kurzem ist dieser Weg gesäumt von Mosaiken, die parallel das Leben und Wirken von Franziskus von Assisi und von Padre Pio darstellen. In der prachtvollen Krypta, kann man nur von einer Glasscheibe getrennt dem Heiligen ganz nahe kommen.

Francesco Forgione, so sein bürgerlicher Name, wurde 1887 in Pietrelcina (unweit von Benevent im Hinterland von Neapel) geboren. Er stammte aus sehr einfachen Verhältnissen, musste als Kind das Vieh hüten, brachte sich aber das Lesen und Schreiben bei und trat 1903 in den Kapuzinerorden ein. Er hatte mit gesundheitlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, wurde 1910 endlich zum Priester geweiht. Das Wunder, als er die Stigmata (die Wunden Christi) am eigenem Leib empfängt, geschieht am 20. September 1918.

„Ha fatto tanti miracoli (so viele Wunder), auch nach seinem Tod“, sagte schon mein Hotelier an der Küste, der sein Abbild gut sichtbar an der Rezeption platziert hat. Und der „Papst, Johannes Paul II, hat das alles sehr genau überprüfen lassen, sagt er, in Rom waren sie ja nicht so für ihn“. 2002 wurde er heiliggesprochen. Wie er die Menschen so in seinen Bann ziehen konnte, hat sich mir vor Ort nicht erschlossen. Jedenfalls war Padre Pio auch ein Mann der Tat. Das Krankenhaus „Casa Sollievo della Sofferenza“ (zur Linderung der Leiden), das er hat bauen lassen, ist eines der größten und besten Italiens (Das Mosaik oben rechts zeigt ihn als Heiler). Auch das haben die Menschen ihm gedankt.

Erstaunlich war dann der nächste Tag. Ich bin über den Gargano nach Rodi gefahren, fast ohne Verkehr, durch zartgrüne Eichenwälder, zum ersten Mal ging es fast nur bergab, ich bin frisch erholt angekommen, bekam von einer strahlenden jungen Frau das günstigste Hotelzimmer der Reise (35 €) mit vista mare und Balkon… Piccolo miracolo eigentlich – es ist aber theologisch nicht gesichert, dass Santo Pio mitgemischt hat.