Nein, dieses Buch kann man nicht lesen. Erstens, weil es keine fortschreitende Erzählung ist, sondern eine Aneinanderreihung von 111 sehr guten Einzelbeiträgen in alphabetischer Reihenfolge. Zweitens, weil es sehr bedrückend ist, zu sehen, wie das schöne München ab 1933 an jeder Ecke durchdrungen war – ja beteiligt war am mörderischen Regime der Nazis. Lesen also nur mit vielen Pausen dazwischen.

Natürlich weiss jeder in München, wo die große Synagoge war und wo die Reichskristallnacht (heute Reichspogromnacht) ausgerufen wurde, wo das „Braune Haus“ stand und der Folterkeller der Gestapo, auch was nach Hitlers Putsch passiert ist und wo das Schicksal Tschechiens besiegelt wurde. Falls nicht, ist die NS Stadtführung des Wei(s)sen Stadtvogels ein Muss (verlangen Sie am besten den „Führer“ Karl Jetter).

Diesem Dutzend sehr bekannter Orte fügt der Autor Rüdiger Liedtke noch 100 weitere hinzu. Da ist zum Beispiel die „Arisierungsstelle“ in einem schicken Bürogebäude an der Isar, wo die systematische Ausplünderung des jüdischen Eigentums organisiert wurde. Oder das älteste Hotel Münchens am Isartor, das Torbräu, wo die Münchner Reinhard Heydrich und Heinrich Himmler die SS gegründet haben. Liedtke zeigt unter anderem auch, welche medizinischen Institutionen den NS-Zwangsterilisierungen und Euthanasie Programmen den Weg bereitet haben. Die Liste der Unterstützer ist lang – und es waren nicht die Arbeiter…

Die Auswahl dieser Orte der Nazi-Zeit ist beeindruckend und Rüdiger Liedtke gelingt es, jeden einzelnen Text sehr kenntnisreich und lesenswert zu gestalten. Natürlich vergisst er nicht die Orte des Widerstands, zum Beispiel das Priesterhaus an der Asam Kirche oder die Wohnung Georg Elsers, der am 8. November 1939 im Bürgerbräukeller fast Hitler weggesprengt hätte.
Seit 2015 und der Eröffnung des NS-Dokumentationszentrums stellt sich München klar seiner Vergangenheit als „Hauptstadt der Bewegung“, die zu lange verdrängt wurde. „111 Orte in München auf den Spuren der Nazi-Zeit“ (Rüdiger Liedtke. Emons Verlag) macht allerdings deutlich, dass die eine oder andere zusätzliche Gedenktafel durchaus angebracht wäre.
Auch wenn man schon viel über diese Zeit weiss, ergänzen doch diese 111 Orte sehr konkret und anschaulich das große Bild der NS-Geschichte. Also ein Muss für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit München unterm Hakenkreuz.

