Aus Radler Sicht ist an l’Aquila schon einmal wunderschön, dass es die Ankunft der Königsetappe (auch Angst-Etappe) ist, von der Adriaküste über den Gran Sasso d’Italia, den Höhepunkt der Abruzzen (2912 m). Nach viel schwitzen und keuchen ist es schön, ins Tal zu schweben wie l’Aquila (der Adler) und hier zu landen. Dann waren aber zwei Themen für mich doch überraschend und bewegend.

Es ist tatsächlich eine ganze andere Welt! Das Thema Mezzogiorno, das rückständige Süditalien, ist uns ja seit der Schule der 70er Jahre vertraut, und was sehen wir hier? Diese kleine Stadt befindet sich in einer sehr abgelegenen Berglandschaft, zwar Hauptstadt der Region Abruzzo aber weit von jeglichem Wirtschaftszentrum oder Hafen… Was soll man das schon erwarten?
Man kommt ins Zentrum, findet ein Zimmer, schlendert die Hauptstraße Corso Vittorio Emmanuele und Frederico II (der Gründer) hinunter, besucht noch Papst Celestino V in seiner Basilica, schaut sich Cafés und Restaurants an. Und stellt dann fest: es ist ganz anders als in jeder Stadt seit Trapani.


Hier lebt auch (bei weitem nicht nur) eine recht breite, sichtbar wohlhabende Bürgerschicht. Auftreten, Kleidung, Stil sind unverkennbar. Dazu passend die schicken Restaurants und edlen Geschäfte. Klares Zeichen für den Uhren Freund: bisher hatte ich praktisch nur no-name Uhren unter 100 € gesehen, hier sind es drei Geschäfte mit bekannten Marken, davon eins mit den großen Namen, tendenziell ab 3000 € aufwärts. Weitere Nobelläden und das Abendkleider Defilee nach dem Theaterabend runden das Bild ab. Dies ist nicht mehr Mezzogiorno, dies ist schon Norditalien. Wir sind zwar nur rund 60 Kilometer nördlich der gedachten Linie, die Italien auf Höhe Roms teilt, aber diese Grenze ist erstaunlich real und markant. Wobei es am Mezzogiorno nichts auszusetzen gab!


L’Aquila ist ein Phönix. Wer hier nur kurz vorbeischaut, könnte den Eindruck einer ganz normalen, eleganten und gepflegten italienischen Stadt mitnehmen. Eine Stadt, die sich herausputzt, weil sie italienische Kulturhauptstadt 2026 wird. Man sieht kaum, dass L’Aquila durch das Erdbeben 2009 verheerend zerstört wurde. Es gab viel Kritik, dass der Aufbau lange nicht in Gang gekommen ist und Gelder versickert sind. Es gibt aber auch ein eindrucksvolles italienisches Buch über die unglaubliche Aufbauleistung (L’Aquila. La Città e il nuovo Millenio. Carsa edizioni) .
Natürlich findet man schnell Kirchen und Paläste, die noch eingerüstet sind und mit Stahlbändern notdürftig zusammengehalten werden. Aber für mich steht klar die Aufbauleistung im Vordergrund. In dieser engen Bergstadt so viel zu renovieren, alles so stilvoll wie früher, ohne Schandfleck dazwischen, das muss man erstmal schaffen! In Deutschland zum Beispiel wird für die Sanierung eines einzigen Museums in Berlin (das Pergamonmuseum, das eigentlich nicht zerstört war) schon klar, dass 1,5 Milliarden nicht reichen werden und der Zeitraum bis 2037 auch nicht, obwohl keine Mafia beteiligt ist!

