Die Olivenbäume sterben still

Wenn man aus Kalabrien oder aus dem Norden ins südliche Apulien, das Salento, kommt, glaubt man es erst nicht. Sind das tote Olivenbäume? die doch quasi unsterblich sind? Non ci credo… Ganze Haine junger Bäume oder auch uralte, die schon unseren Kaiser Friederich II auf seiner Reise ins Heilige Land begrüßt haben?
Haben hier ganz im Süden des Stiefels die zehn heißesten Jahre des Klimawandels solche Schäden angerichtet? Aber doch nicht an Olivenbäumen?

Nein, die Erklärung ist schnell gegoogelt, es ist eine Seuche. Doch der junge Olivenbauer und erfahrene Journalist Agostino Petroni von der Bio Masseria Lama de Luna zwischen Castel del Monte und Trani bestätigt, dass „niemand offen darüber spricht“. Man will es nicht wahrhaben, verdrängt es. Und wenn man darüber spricht, dann ist es zu oft in Form unsäglicher Verschwörungstheorien.
Fakt ist: hier in Apulien sind von rund 60 Millionen Bäumen 22 Millionen schon gestorben und die Krankheit breitet sich weiter nach Norden aus. „Nicht weit von uns, in Minervino ist gerade kürzlich ein Ausbruch gemeldet worden„.

Neu ist die Krankheit nicht. Die Übeltäterin trägt den wissenschaftlichen Namen Xylella fastidiosa. Eine schlichte Bakterie, die 2013 in Gallipoli gelandet ist, in einer Kaffeepflanze, einer Zierpflanze aus Costa Rica. Eine einheimische Zikade hat daran geknabbert und ist dann weiter zu einem Olivenbaum, den sie kontaminiert hat. Das Bakterium verdickt und verstopft die Gefäße des Baumes, blockiert sie und er verdorrt todsicher… Die Entwicklung ist wohl nicht zu stoppen, Jahr für Jahr breitet sich die Seuche 20 Kilometer weiter nach Norden aus.

Nicht hilfreich ist die Verleugnung der Krise. „Sie wollen nicht wissen, was Leute alles erzählen. Von Verbreitung durch den Flugverkehr oder dem Versuch, Bauern ihr Land abzujagen…“ erzählt Agostino. Er engagiert sich in der Stiftung „Save the Olives“ mit der britischen Schauspielerin Helen Mirren, die hier auch Land besitzt. Aber die Widerstände gegen rationale Maßnahmen sind groß. Leugnen oder Erkenntnisse ablehnen scheint einfacher. Richter haben sogar die Vernichtung befallener Bestände gestoppt und so zur Verbreitung beigetragen. Jeder befallene Baum verbreitet die Krankheit weiter, deshalb müßte jeder betroffene Bereich sofort großzügig gerodet werden. Doch viele Menschen können diese tödliche Seuche einfach nicht akzeptieren. „Sie sagen die Bäume sind seit der Zeit der Römer bei ihnen und ketten sich an ihre Schützlinge, um die Vernichtung abzuwenden„.

Teillösungen gibt es. Agostino hat im Familienbetrieb Massa de Luna schon teilweise auf die Sorte Favolosa umgestellt. Sie ist eine von vier bekannten resistenten Sorten. Aber natürlich ist es extrem kostspielig, Bäume zu entfernen und dann sechs Jahre zu warten, bis die neuen endlich Früchte tragen. Dies ist auch ein Grund, warum er die Neuen als Sträucher, ähnlich wie Weinreben, angelegt hat, so tragen sie schon nach zwei bis drei Jahren Früchte (Bild oben).
Es gibt auch die Möglichkeit, besonders wertvolle Bäume, Naturdenkmäler zu retten. Man schneidet sie massiv zurück und propft neue Zweige der resistenten Sorten auf. Aber auch das ist sehr aufwendig und teuer.

Apulien produziert fast 80 % des italienischen Olivenöls und bald wird Xylella das Kernland der Olivenproduktion erreichen. Die Vorstellung ist schrecklich. Dann könnte es hier doch noch sehr laut werden – aber verhindern lässt sich das Sterben wohl nicht.