Die große Geschichte der Tonnara

Die Tonnara di Scopello, bei Castellamare, ist eines der beliebtesten Fotomotive der Region. Ich habe sie vor über 20 Jahren erlebt, als die zur Bucht orientierten Hallen dem Verfall entgegen dämmerten. Der Traum, sie zu retten, ist inzwischen von privaten Investoren realisiert worden. Doch wer erinnert sich noch an ihre große Geschichte? Über Jahrhunderte war diese Tonnara, wie so viele ihresgleichen in der Region, ein Stützpunkt der Thunfischjagd. Damals gehörte viel Sachkenntnis, Geduld und Geschick dazu, aber auch vor allem viel Mut.

Nur auf Sizilien hat sich diese abenteuerlich Form der Fischerei so entwickelt. Denn nur hier kommen im Mai/April die Fische, aus dem Atlantik kommend, an der Nordküste vorbei, um ideale Bedingungen zum Laichen zu finden. In den Monaten davor legen die Männer bis zu 10 Kilometer Netze aus, um riesige Fallen aufzubauen. Sie wissen, wie sich möglichst viele Tiere darin versammeln lassen.

Wenn der Befehl kommt, schnappt die Falle zu. Es ist der archaische, blutige Todeskampf, die Mattanza. Für mich sind die Bilder dieser schaurig-schönen Szene im Film Stromboli (von Roberto Rossellini mit Ingrid Bergmann, 1950) immer unvergesslich geblieben. Die Tiere kämpfen verzweifelt, die Männer auch, um die riesigen Raubfische zu harpunieren und an Bord zu ziehen. Der Schwanzschlag eines 400 Kilo schweren Tiers kann einen Mann töten. Voller Stolz kehren die Männer in ihre Tonnara zurück. Auf der Insel Favignana erinnert eine Tafel daran, dass im Rekordjahr 1859 ganze 10 159 diese Raubfische erlegt wurden.

Doch der Niedergang aufgrund der Konkurrenz der industriellen Fischerei ließ sich nicht aufhalten. Hier in Scopello fand die letzte Mattanza trotzdem erst sehr spät, 1984 statt. Inzwischen beherbergen die großen, zur Bucht gewandten Hallen, neue Aktivitäten. Wo früher die Fische reingezogen wurden, die Boote und Netze repariert, werden heute sündhaft teure Hochzeiten und andere Events gefeiert. Auch in Bonagia bei Trapani beherbergt die Tonnara jetzt ein Hotel… Mit Tourismus ist eben eher Geld zu verdienen als mit der Fischerei. Wenn man sieht, wie viele Monsterschiffe seit Jahrzehnten die Weltmeere plündern, wundert man sich sowieso, dass man überhaupt noch Spaghetti con Tonno bestellen kann…

Früher habe ich meine Touren mit Karten geplant, das war auch besser so! Fräulein Gugl wusste trotz aller Künstlichen Intelligenz bis heute nicht, dass ich nicht durch die Riserva Naturale dello Zingaro von San Vito nach Scopello fahren kann. Die KI dient wohl eher der Optimierung der Werbung auf Google als der Verbesserung der Streckenplanung. Dann habe ich mich auch noch auf Bergpfade führen lassen, wo ich zum Teil nur noch schieben konnte und schon knapp am verzweifeln war… Das passiert mir nicht nochmal!