Was für ein Leben! So einer Vita begegnet man wohl nicht noch einmal. Dabei ist der Alltag in Briatico höchst einfach, hier ist die Costa degli Dei nicht mehr touristisch. Der „Hafen“ an der Küstenstraße ist nur ein kleiner Sandstrand, durch eine Mole geschützt, wo bunte Fischerboote von Motorwinden aus dem Wasser gezogen werden. Der alte Herr spricht mich an, weil ich ein Fischer-Graffito photographiere.
„Anch’io son‘ stato pescatore“ (auch ich war Fischer), da schwingt schon ein gewisser Stolz mit. Er ist adrett gekleidet, schmunzelt öfter im Gespräch, fürs Foto zieht er leider die fast echte Ray-Ban Brille an. Wie alt er wohl ist? fragt er. Ja, vielleicht 80? Nein mehr. Am Ende werden es 97 Jahre! Und 85 Jahre war Vincenzo Prostomo auf See! „Ho fatto mia vita sul mare„

Angefangen hat er schon in Alter von 10 Jahren, da hat ihn der Vater zum ersten Mal mitgenommen. Gefischt wird hier tags aber auch nachts. Es war hart, weil damals noch gerudert werden mußte. Das mit den Motoren ist erst lang nach dem Krieg gekommen. Früher hatte seine Frau hier unten wo jetzt die Autos stehen einen großen Gemüsegarten, es hat an nichts gefehlt.
Lesen und schreiben hat er nie gelernt, erzählt er, als ich mir zwei Notizen mache. Aber die Theorie bringt auch nichts auf dem Meer. Er kennt den gesamten Golf von Sant-Euphemia, ihm muss man nichts erzählen. Er weiss, wo die Sardinen sind und was das Wetter macht – das ist was zählt hier. Früher sind Boote mit 8-9 Leuten rausgegangen. Heute fischt sein Sohn noch, eben hat er noch am Boot gearbeitet, aber heute gehen meist nur noch zwei Mann raus. (Der Sohn durfte ja in die Schule gehen und würde die Rechnung mit den 85 Jahren auf See vielleicht etwas relativieren, 70 Jahre sind auch schon erstaunlich genug). Sein anderer Sohn lebt in Rom und ein Neffe ist sogar Arzt in der Hauptstadt.
Vincenzo ist sein ganzes Leben lang zu Fuß vom höher gelegenen Dorf Briatico hier heruntergekommen, Das macht er mit 97 Jahren immer noch – kein Auto. Und wenn er hier auf dem Strand steht und aufs Meer schaut, sieht er sein ganzes Leben. Una vita sul mare. Und er ist zufrieden – vielleicht auch ein bisschen stolz.

