Diese Touris, wollen immer jede Kirche sehen, egal ob in Palermo, Paris oder München. Kann man machen, wiederholt sich aber doch ziemlich… Eine unbedingt sehenswerte Alternative ist das Mülller‘sche Volksbad, ein verkanntes Münchner Juwel, das weltweit seinesgleichen sucht. Der Besuch ist purer ästhetischer Genuss und offenbart dazu eine erstaunliche Bautechnik.
Der edle Glockenturm erhebt sich majestätisch über die alte Isar-Klosterfassade mit den Fensterreihen der Mönchszellen… Könnte man glauben, hier gab es aber nie ein Kloster, dieser Turm hatte eine andere Funktion. Zur Bauzeit des Schwimmbads ab 1897 gab es in der Stadt noch keine Wasserleitung, die man hätte anzapfen können. Deshalb musste man es von den Paulaner Quellen herleiten und in den Wasserturm hochpumpen. Von dort konnten dann alle Bereiche des Bads mit gleichmäßigem Druck gespeist werden.
Es war ein unglaubliches Glück, dass während der massiven Bombenangriffen 1944-45 nur eine einzige Phosphorbombe im Bad eingeschlagen hat, eben in diesen Turm, aber sie hat nicht ordentlich gezündet und kaum Schaden angerichtet. Die Stunden schlägt das Werk heute noch!

Am Anfang standen nicht Sport oder Wellness im Vordergrund, sondern schlicht Körperpflege und Hygiene. Am Ende des 19. Jahrhunderts war die Angst vor den Seuchen Cholera und Typhus noch sehr lebendig. München wuchs damals explosiv, in den armseligen überfüllten Herbergen in Haidhausen war an Bäder nicht zu denken. Der Stadtrat wollte deshalb ein „Volksbad“ bauen, allein fehlte das Geld. Da tauchte glücklicherweise der erbenlose „Civil-Ingenieur“ Karl Müller auf, der sich gerne verewigen wollte mit dem Rittertitel „von“ Müller und einem großartigen Bad. 1,8 Millionen Goldmark konnte er zu Verfügung stellen.
Am 9. Mai 1901 wurde das größte und modernste Bad Europas eröffnet. Es bot zwei Schwimmhallen, getrennt für Männer und Frauen wie sich das gehört, eine frühe Saunalandschaft, ein Zamperl (Hunde) Bad und vor allem, geschickt verteilt, ganze 86 Wannenbäder und 22 Brausebäder!



Heute begeistern uns freilich vor allem die wunderbaren Jugendstil Ornamente, Lampen, Türgriffe, Eisengitter, Bänke, geschwungen Holzbrüstungen… Gewölbe, herrschaftliche Säulen und edle Materialien geben das Gefühl, einen eleganten Palast zu beschreiten. Alles für mittellose Münchner gebaut.


Eine Kathedrale für den Sport. Tatsächlich erinnert das Gewölbe der großen Schwimmhalle (oben links) mit der umlaufenden Empore zum Beispiel an St. Martin, das schwäbische St-Peter (Weingarten, oben rechts), allerdings fehlen hier die berühmten Fresken von Cosmas Damian Asam (auch in Münchens altem Peter). Die Ähnlichkeit kommt daher, dass die Bauherren eine Lösung finden mussten, um das große Becken zu überspannen und möglichst viel Tageslicht reinzulassen. Sie ließen sich einfach vom Kirchenbau inspirieren.
Im Becken fällt auf, dass Münchens beste Rettungsschwimmer, die routinemäßig 25 Meter tauchen üben, gar nicht die ganze Bahn durchtauchen. Warum? Weil dieses Becken 100 bayrische Fuß lang ist, also 30 Meter, deshalb tauchen sie schon beim Leiterchen wieder auf.
Ertrunken sind die meisten Gäste allerdings nicht in den Schwimmbecken, sondern nach einer harten Arbeitswoche in der gemütlichen Wärme einer der 86 Badewannnen, mit einem Bier in der Hand und einem seligen Lächeln im Gesicht.

Wie hat es denn Kaiser Nero gemacht? Die Idee der römisch inspirierten Thermen als Beitrag zur Hygiene und Gesundheit war damals noch ganz neu. Hervorgebracht wurde sie maßgeblich vom irischen Arzt Dr. Richard Barter in Blarney, daher der seltsame Name „römisch-irisches“ Bad. Doch wie baut man so etwas und wie ordnet man Waschräume, Warm- und Kaltbecken, Dampf- und Ruheraum usw. am besten an? Das kann damals niemand in Deutschland. Also studiert man in Rom, insbesondere am Beispiel der Thermen des Kaisers Nero. Die Umsetzung nach Bayern ist perfekt gelungen und der Saunabereich besticht bis heute durch seine Funktionalität und Eleganz.

Wie haben die Bauherren das damals geschafft? Dieser Komplex mit seinen drei Teilbereichen war 1895 absolutes Neuland. Bautechnik, Wasser- und Strom- und Wärmeversorgung, Planung der Funktionen und Abläufe… für nichts gab es ein Beispiel. Und dazu sollte es noch so elegant werden wie ein Palast. Unter Leitung der Architekten Carl Hocheder des Älteren (1854-1917) ist es so perfekt gelungen, dass alles noch 124 Jahre später so überzeugend ist wie am ersten Tag.
Und wie lange haben sie damals für Bau und Planung gebraucht? Gute vier Jahre! Dabei war alles ein Novum. Eigentlich nicht zu glauben! Heute braucht der Neubau einer 08/15 Brücke wie die Carola Brücke in Dresden, oder die simple Renovierung des Stadtmuseums München, doppelt so lang. Ein Bahnhof in Stuttgart 16 Jahre, wenn er denn fertig wird…
Waren unsere Urgroßväter Genies oder sind wir etwas verblödet?
Die Stadtwerke München haben hier natürlich über Jahrzehnte eindrucksvolle Renovierungs-, Modernisierung- und Instandhaltungsarbeiten geleistet. Und sind weiter täglich an der Pflege dieses Juwels dran. Danke! es ist ein Genuss, hier Gast zu sein.


Das Beste zum Schluss ist der Besuch der Wartehalle der Damen, so schön gebaut, dass sie heute den perfekten Rahmen für das hervorragende italienische Restaurant Rustikeria bietet. Hier sprechen auch die Gäste oft italienisch (siehe vorne links im Restaurant), weil sie die authentisch-schmackhafte Küche der Bottega Toscana schätzen. Dem müden Schwimmer sei eine Schiacciata, eine fluffig leichte und knusprige focaccia empfohlen, zum Beispiel die Schiacciata Godereccia mit Lardo di Cinta Senese (Speck vom Sattelschwein), Gorgonzola & Trüffelöl. Mmmmmmm… da hat sich das Schwimmen doch wieder gelohnt!
Für Nichtschwimmer und Wasserscheue bieten Mitarbeiter des Hauses jeden letzen Freitag im Monat um 15:30 eine sehr lebendige und informative Führung an. 7,50 €, keine Anmeldung erforderlich.
La Rustikeria. www.rustikeria.de

