Wie lebt es sich in Enna, dem Herzen Siziliens, wo Friedrich II einen Turm genau auf den Mittelpunkt seiner Insel gebaut hat? Einer Stadt fern von allem, inmitten der wogenden Felder der ehemaligen Kornkammer Roms. Es war gut, mit Carmelo ins Gespräch darüber zu kommen. Er hat hier die Scuola Alberghiera gemacht, hat dann 5 Jahre auf Ibiza gearbeitet und dort über einen Freund das Taxi Geschäft kennengelernt.

„Avevo la nostalgia della mia terra. E ho avuto il coraggio di investire“ sagt er, und es hat sich gelohnt. Seit 16 Jahre läuft das Geschäft. Enna ist der Belvedere Siziliens, mit Enna Alta auf 1000 Metern Höhe, einem eindrucksvollen Blick bis zum Etna, einer riesigen Normannenburg und sehr wehrhaften Kirchen – sowie Enna bassa, die moderne Stadt. Die Welt scheint in Ordnung hier, lebt es sich gut? „Non voglio lamentare“, es läuft, reich wird man nicht damit. Aber er lebt im eigenen Haus, wie so viele Italiener, die Frau ist Friseurin. Ja hier lebt es sich gut, „wenn Du arbeitest. Aber hier auf Sizilien, wie überhaupt im Mezzogiorno, gibt es viel zu wenig Arbeit. Dann wird es hart…“
Mit den Kindern ist es wie bei uns. Die Lehrer schwärmen von der 7-jährigen Tochter, der 5-jährige Sohn ist ein Problem. „Du warst schlimmer“ sagt seine Mutter. Ist er mit der Schule zufrieden? Ja sehr. Enna ist ein optimaler Ort, um Kinder großzuziehen. Hier ist es sicher, und die Schulen sind gut. Es gibt sogar seit 2004 eine Universität. Einzigartig in Europa ist das Luft- und Raumfahrtlabor, das über zwei Flugsimulatoren verfügt. So verwundert es nicht, dass in Enna eine Astronautin lebt. Schlecht ist es hier nur, wenn man nach der Uni Arbeit sucht…

Liegt es auch an der Mafia, wenn die Wirtschaft gelähmt ist? „Nein, es gibt keine Mafia! Jedenfalls nicht mehr als anderswo! Die machen uns kaputt mit ihren „Padrino“ (Der Pate von Francis Ford Coppola) Geschichten, so was blödes. Die Mafia-Bauern wie im Film, die gibt es nicht. „I Mafiosi oggi, sono i politici!“ Die Mafia, die weiss, wo Geld zu holen ist.

Wie war denn das unter Mussolini, den Namen liest man ja immer noch, wenn man gut schaut, auf der Prefettura….“Ja, der Mussolini, natürlich hat er viele Fehler gemacht, eine schlimme Sache, mit Hitler und dem Krieg. Aber er hat ja auch viel gutes gemacht, besonders für den Süden. Er hat uns die Krankenhäuser gebracht, vorher ist man hier jung gestorben. Et hat uns die Rente gebracht. Damals war es eine Revolution: er hat den Armen Land gegeben, damit sie ein Haus bauen können und einen Garten haben. Auch die Bonifica, die Gewinnung von Flächen für die Landwirtschaft, hat er vorangetrieben…“
Und die Meloni, von der hört man eigentlich nicht schlechtes oder? „Eh si, sa fare la politica!„. „Aber man kann es so oder so sehen, ich bin eher rechts… Jedenfalls ist die Regierung stabil und sie kann es auch mit Trump und von der Leyen. Da ist sehr viel Geld nach Italien gekommen!“. Schon einflußreich die Frauen heute… „Ah si, la von der Leyen è una cazzuta!“ . Das ist Dialekt, und der sizilianische Dialekt ist wirklich sehr schwer zu verstehen, weil so vieles aus dem arabischen kommt. Das sagt man – vulgär-bewundernd – für jemanden, der stark und furchtlos ist. Cazzuta!
Ich hätte gerne mehr gehört, aber ich muss schauen, dass ich noch zum Etna komme… „Noi in Italia diciamo „hai voluto la bicicleta, ora pedala!“ . Das gilt aber nicht nur für Radler, heisst: Du hast es entschieden, jetzt steh dazu! Nicht nur zum pedalieren.
