Bewundernswerte Holzarbeit

Diese spektakuläre Anlage ist im Holztechnischen Museum in Rosenheim zu sehen, nur eines von unzähligen Beispielen der erstaunlichen Nutzungsmöglichkeiten von Holz. Ein wunderbarer Werkstoff, ohne den uns so vieles fehlen würde. Dieses Museum ist ein spannender Geheimtipp, perfekt gelegen am schönsten Platz der Rosenheimer Altstadt.
Schon um 1550 verstanden es Bergleute, die Wasserkraft aus dem Tal über eine sogenannte „Stangenkunst“ (links im Bild) bis zum Schacht des Bergwerks zu übertragen und dies sogar über mehrere Kilometer, um die Pumpen anzutreiben. Ab 1833 wurde dieses Pumpgestänge dann in Oberharzer Silberbergwerken genutzt, um ähnlich wie ein Lift, die Bergleute in bis zu 700 Meter Tiefe nach unten zu befördern! Eine enorme Zeit- und Kraftersparnis für die Kumpel.

Die Ausstellung fängt beim Baum und seiner Bewirtschaftung an, zeigt aber vor allem die Meisterschaft und Innovationskraft der Holzspezialisten, früher Wagner oder Schäffler (Fassmacher), heute Schreiner und Zimmermänner.
Die Bandbreite der Ausstellung ist enorm: von der Nachbildung der kompakten Axt, die Ötzi mit sich trug bis zu dem Faltboot von Klepper. Diese filigrane Konstruktion hat mich als Kind schon fasziniert, sie lag im Keller meines Großvaters, der vor dem Krieg eine große Donaureise damit gemacht hatte. Dieses geniale Boot wurde ab 1907 in Rosenheim gebaut und ständig perfektioniert – man kann es bis heute hier erwerben!

Dass Holz ein nur schwer zu ersetzendes Material ist, zeigt sich auch am Ski. Es hat sich viel getan seit den 50er Jahren aber die Firma Völkl aus Straubing zum Beispiel vertraut nach wie vor auf einen Holzkern.
Noch ein Beispiel: ein Flugzeugpropeller aus Holz, zugelassen für die Transall C-160 mit einer Wellenleistung von 6000 PS. Geliefert von der Firma Hoffmann, die bis heute in Rosenheim entwickelt und produziert!
Hier lernt man auch wie Holz gebogen wird, nicht nur für den klassischen Schlitten, sondern auch für den Caféhausstuhl Nr. 14 der Firma Thonet, von dem allein seit 1939 über 50 Millionen Stück verkauft worden sind. Ich sitze seit 1992 lieber auf dem ähnlichen Bistrostuhl allerdings mit Lehnen.
Dies sind nur einige markante Beispiele aus einer übervollen Ausstellung, die sehr systematisch alle Aspekte der Holzarbeit abdeckt. Die Entwicklung der Werkzeuge und der verschiedensten Arbeitsmethoden stehen im Vordergrund.


Dass Holz nach wie vor Zukunft hat, wird auch klar. Es ist nicht nur der einzige nachwachsende Rohstoff, er ermöglicht sogar spektakuläre Bauten wie die wunderschöne Essinger Brücke im Altmühltal, der Pavillon der Expo (Hannover 2000), das Centre Pompidou in Metz (Shigeru Ban und Jean de Gastines, 2010). Auch München hat seine Brücke mit tragender Holzstruktur und Stahlknoten: die Thalkirchnerbrücke (oben), die nicht nur Fußgänger trägt, sondern auch zwei Autospuren. Die Traglast beträgt maximal 3 Tonnen aber hier kreuzen sich öfter zwei oder drei fette Limousinen und SUVs auf einem Abschnitt: Holz ist flexibel!

Das älteste Fachwerkhaus in Deutschland in Esslingen, geht auf das Jahr 1267 zurück, das spricht auch für den Baustoff. Heute liegt der Holzbau wieder im Trend, weil er nachhaltig und Klimafreundlich ist. Die Baunormen sind leider noch einschränkend, aber das bessert sich wohl. Bei München sind vor kurzen 20 Wohnungen fertiggestellt worden mit vorgefertigten Teilen aus Holz, die in der Halle hergestellt wurden. Das beschleunigt und erleichtert den Bau.

Auch wenn die Ausstellung wissenschaftlich aufgebaut und inspirierend ist, bleibt zu bedauern, dass sie im ersten Stock eines alten Stadthauses viel zu wenig Platz hat. Um alle Aspekte anschaulich zu präsentieren und ausreichend zu illustrieren, bräuchte es wohl eher dreimal so viel Fläche. Das Museum wurde ab 1979 vom gleichnamigen Verein aufgebaut. Aber die Förderer, die Stadt Rosenheim und der Bezirk Oberbayern – der das Museum als „einzigartig in Deutschland“ bezeichnet – zeigen offensichtlich wenig Engagement. 

Wie kann es sein, dass dieses großartige Thema so stiefmütterlich behandelt wird? Wo bleibt der Stolz auf die Tradition und die Innovationskraft der Bayerischen Schreiner und Zimmerleute? Es geht auch nicht um Vergangenheit: bis heute spielt die Holzarbeit eine überall sichtbare Rolle in der Region: Häuser, Fenster, Brücken und so vieles mehr werden nach allen Regeln der Kunst gefertigt und sind den Menschen wichtig – das alte Ägypten und die neueste abstrakte Kunst sind ihnen meist nicht ganz so nah. 

Da bringt es doch Rosenheim Tourismus fertig, im 16-seitigen Booklet vier Kirchen vorzustellen aber das Museum irgendwo in exakt zwei Zeilen zu verstecken! Dabei gibt es Kirchen wie in Rosenheim in jeder süddeutschen Stadt, so ein Museum dagegen ist einmalig. Dazuhin hat Rosenheim drei hoch anerkannte Holzschulen und viele spezialisierte Unternehmen. Und Holz liegt im Trend, weil es nicht nur ein schöner, sondern auch ein klimafreundlicher und sauberer Rohstoff ist. Also wirklich, es ist eine Schande, ja eine Schande, wie dieses Holztechnische Museum unerkannt im Schatten steht.

Holztechnisches Museum. Max-Josefs-Platz 4. Rosenheim. Eintritt 4 €