Der bengalische Tiger ist ohne Zweifel das schönste Gesicht dieser Indienreise, eine ganz besondere Begegnung im Ranthambhore National Park. In Rajasthan waren auch sehr viele sympathische Menschen und Highlights dabei, doch Ehre dem wahren König der Tiere: mit ihm fängt dieser Rückblick auf die Indienreise an.

Einfach schön, seine souveräne Ruhe in der Kontemplation des Sees. So ein Glück, ihm mit den Jeeps tatsächlich so nahe zu kommen! Dann gähnt er und schaut freundlich aber nicht wirklich interessiert zu uns. Langsam setzt er sich mit spürbarem Kraftüberschuss in Bewegung und ja! da liegt seine Freundin im hohen Gras!


Da balgen sie kurz, in dem Moment sind sie süß wie Kätzchen. Und dann wendet er sich ab. Er ist der Mann und muss ihr etwas Feines holen, eine kleine Hirschkuh vielleicht. In der Tierwelt ist interessanterweise wie bei den Menschen: der Mann tut immer alles, um seine Lady glücklich zu machen.

Die Hindu-Göttin Durga reitet auf einem Tiger und auch die Römer waren von seiner Ausstrahlung fasziniert ( https://karls-mosaik.de/bikini-mosaik/). Aber die englischen Jäger und die Maharadschas haben ihn fast ausgerottet. Um 1900 lebten rund 40.000 Tiger in Indien, 1972 waren es nur noch 1800, da setzte Indira Gandhi in letzter Minute mit dem Project Tiger ihren strengen Schutz durch.
Indien ist dicht besiedelt, daher ist es eine großartige Leistung, das Zusammenleben von 1,4 Milliarden Menschen mit diesen mächtigen Raubkatzen zu ermöglichen. Der Ranthambore Park (275 Quadratkilometer) hat keine Mauern, es kommt immer wieder dazu, dass Vieh bei den Dörfern gerissen wird, allerdings meistens von Leoparden. Die Dorfbewohner gehen auch in den Park, weil sie noch dort wohnen oder im Wald zu tun haben. Vor kurzem wurde ein Kind, das mit seiner Großmutter unterwegs war, von einem Tiger erbeutet. Es ist wirklich eine Leistung der Inder, auch so etwas mit ihrem Gleichmut zu akzeptieren.
Heute zählt dieser Park wieder 75 Tiger, damit ist seit kurzem das Maximum erreicht, denn sie sind territorial, jeder Einzelne braucht sein eigenes Revier. Vor kurzem gab es einen tödlichen Kampf um ein Territorium, so dass jetzt Jungtiger in Gebiete umgesiedelt werden müssen, wo noch Reviere besetzt werden können.
In den 27 indischen Reservaten leben heute wieder über 3700 Tiger, doppelt so viele wie vor 10 Jahren. Ein großartiger Erfolg, der auch viel mit guten Schutzkonzepten gegen Wilderer zu tun hat.


Den Reisealltag prägt allerdings vor allem die Kuh, die nicht ganz so fotogen ist, besonders von hinten. Seit den Anfängen des Hinduismus, also seit sie mit den nomadischen Ariern gegen 1700 vor Christus an den Indus gekommen ist, ist sie heilig. Trotzdem liefert sie ihren Eigentümern auch in der Großstadt Milch. Gerne macht sie sich auf den Straßen breit, auf den Bürgersteigen, an Märkten und auf vermüllten Hinterhöfen. Sogar am Strand taucht sie auf. Auch wenn man nicht direkt reintritt, hat man öfters den Geruch von Urin in der Nase und fragt sich, muss ich das haben?

Ist Indien überhaupt ein Muss? Dass die vielen Paläste Rajasthans absolut sehenswert sind und der Taj Mahal ein eindrucksvoller Höhepunkt, ist keine Frage. Auch die vielen Hindutempel und die der Sikhs und der Jain sind sehr stimmungsvoll und emotional bewegend. Kunsthistorische Kleinode sind immer wieder zu entdecken.

Dazu kommen in Indien noch Gesichter wie aus dem Fotoalbum, markante und charismatische Männer, die man gerne anschaut. Und natürlich Frauen in ihren bunten Saris, fröhlich und selbstbewusst, die gar nicht so „strukturell unterdrückt“ wirken, wie es uns erklärt wird. Gerne hätte ich einige indische Prinzessinnen photographiert, von denen habe ich eigenartigerweise schon als Kind geträumt, und es gibt sie wirklich!
Generell haben wir die Inder als sehr freundlich und offen empfunden, sehr serviceorientiert und flexibel. Ihre fröhliche Offenheit gehört zu den Freuden der Reise.

Weniger Freunde macht nach einigen Tage die indische Straße. Es ist ja schön, dass der Wohlstand seit über zwanzig Jahren sehr spürbar wächst. Bereits 450 Millionen Menschen (33 % der Bevölkerung) werden zur Mittelschicht gerechnet – diese gab es vor 40 Jahren noch gar nicht! Inzwischen kann sich offensichtlich jede Familie zwei Motorroller leisten, aber das ständige Gehupe und die ständige Sorge umgenagelt zu werden, ist etwas anstrengend. Dazu kommt noch das laute Geknatter und der Gestank der alten Tuktuks und die Abgase anderer Fahrzeuge, so dass man bald ins Hotel zurück möchte, um sich die irritierten Augen auszuspülen. Wir hatten in der Stadt Situationen, wo wir auch zu Fuß im Stau blockiert waren.

Für mich ist wohl entscheidender, dass an vielen mini Verkaufsständen aller Art, an den einfachsten Geschäften, die überall zu Hunderten gleich sind, mit viel Staub und Bauruinen dazwischen, doch stark die Armut und der Überlebenskampf zu spüren sind. Zu viel Staub, Rost und Verfall, zu viel Perspektivlosigkeit… Auch die extrem bittere Armut, das Leben im Karton- und Plastikverschlag, ist sichtbar aber sicher weniger als vor 30 Jahren.
Im Gegensatz zu Städtchen in Laos, Vietnam, Usbekistan, habe ich hier nicht das Gefühl, dass alles doch ganz schön ist und die Welt grundsätzlich in Ordnung. Mich belastet dieses Gefühl einer unangenehmen Armut und Rückständigkeit… Indien ist eindrucksvoll und sympathisch. Die Reise durch Rajasthan war sehr schön und aufschlußreich (besonders mit dem hervorragenden Studiosus Reiseleiter Matthias Mai). Aber ein Sehnsuchtsland ist Indien für mich nicht geworden.

