Heute verbindet man Indien automatisch mit bitterer Armut, doch in Rajasthan staunt der Reisende täglich angesichts der märchenhaften Pracht der Paläste der Maharadschas, oder sogar zweimal täglich, denn diese Fürsten waren viele. Wer morgens ein Fort besichtigt hat, darf oft den lauen Februarabend im herrschaftlichen Innenhof eines Palasthotels genießen. Wie konnten sogar „Kleinstadt-Fürsten“ derart reich werden? Und vor allem, wie ist diese glanzvolle Welt untergegangen?


Wenn man etwas zurückdenkt, wird einem schnell bewusst, dass Indien immer das Land eines sagenhaften Reichtums war. Wir erinnern uns an Alexander, der 329 vor Christus endlich Marakanda (heute Samarkand, Usbekistan) erobert hatte. Aber er wollte unbedingt noch weiter, denn er hatte erfahren, dass die reichste Satrapie des besiegten Persiens am Indus lag. Doch dort sollte er nicht zuletzt an den indischen Kriegselefanten scheitern…
Später wussten auch die Römer von dem sagenhaften Land, wo ihr Pfeffer angebaut wurde (Kerala, Südindien).
Den Indern ging es seit Jahrtausenden so gut, dass sie selbst nie Eroberungszüge unternehmen mussten. Dafür kamen umso mehr gierige Eindringlinge aus dem Norden, wobei die Arier nur die ersten waren, gegen 1700 v. Chr.

Prägend und in der Palastarchitektur bis heute sichtbar war die Einwanderung islamisierter Herrscher aus Persien und vor allem aus Zentralasien mit Babur, dem Enkel Tamerlans, der 1526 den Grundstein für das Großreich der Moguln legte. Doch diese frühen Einwanderer wurden alle in die bunte indische Welt integriert.
Noch im 18. Jahrhundert war Indien das Land des Überflusses. Der Handel mit den begehrten Gewürzen (Pfeffer, Zimt, Ingwer…) spülte Gold und Silber ins Land. Auch die Landwirtschaft war sehr ertragreich, sogar getrockneter Fisch wurde exportiert. Freilich waren Diamanten, Edel- und Halbedelsteine die wertvollsten Exportschlager.
Rund 500 Fürsten konnten landesweit gut leben, sowohl vom innerindischen Handel, wie auch von den Karawanen, die auf das Netz der Seidensstraße nach Norden zogen oder zu den Häfen an der Küste. Dazu war die Textilindustrie, mit ihren leichten bunt bedruckten Baumwollstoffen weltweit führend, so etwas Feines gab es in Europa nicht.


Mit den Europäern ging es lange gut. Die portugiesischen Entdecker haben ab 1498 die ersten Handelsniederlassungen in Kerala und Goa gegründet. Die Franzosen haben sich in Pondichery festgesetzt. Die Engländer kamen etwas spät. Da der Gewürzhandel schon besetzt war, mussten sie auf den innerasiatischen Handel und den auch sehr ertragreichen Textilexport ausweichen. Über 200 Jahre lang war es ein gutes Geschäft für beide Seiten. Die indischen Fürsten kassierten Mieten und Zölle, die Händler machten gute Umsätze. Indische Handwerker spezialisierten sich auf die Nachfrage aus Europa.
Doch die Briten wollten mehr. Schon 1600 war die Handelsgesellschaft East India Company gegründet gegründet worden, eine rein private Handelsgesellschaft. Es gab keinen Masterplan zur Kolonisierung, nur den Ehrgeiz Geld zu verdienen und dem Empire zu dienen. Die Briten ließen sich in Madras (1640), Bombay (1674) und Calcutta (1690) nieder.

1757 ist der Wendepunkt, der Startpunkt der Eroberung des gesamten Subkontinents. Mit der siegreichen Schlacht von Plassey erobern die Soldaten der East India Company Bengalen. Es ist im Nachhinein kaum vorstellbar, mit welcher Chuzpe diese Handelsgesellschaft mit militärischer Gewalt den gesamten Subkontinent unterwirft, so gründlich wie noch kein Herrscher zuvor.
Von nun an zahlen die Bauern den Engländern Grundsteuern, so finanzieren die Inder ihre eigene Unterdrückung. Da es relativ wenig Widerstand gibt, arbeiten sich die Engländer Fürstentum für Fürstentum voran, mit diplomatischem und militärischem Druck.
Anfang des 19. Jahrhunderts zählt die britische Armee 150.000 Mann, bestens bezahlt, diszipliniert und mit überlegener Feuerkraft. Jede Revolte wird sofort blutig niedergeschlagen. Die feinen Maharadschas in ihren Palästen sind nur noch Marionetten.
In weniger als 50 Jahren errichten die Briten den ersten zentralisierten Staat für den gesamten Subkontinent. So etwas hatte es so noch nie gegeben.

Die indischen Bauern zahlen Steuern und die Engländer kennen kein Pardon, auch nicht wenn der Monsun ausfällt. So kommt es unter der Britischen Herrschaft zu Hungersnöten, die bis zur Unabhängigkeit 1947 rund 30 Millionen Menschenleben fordern. Viele Bauern müssen auswandern und in Afrika oder in den Zuckerrohrplantagen der Karibik für die Engländer schuften.
Schlimmer: die neuen Herrscher würgen jegliche indische Produktion ab: die Inder sollen nur ihre Produkte kaufen, keine eigenen Schiffe mehr bauen und keine edlen Stahlklingen schmieden. Die Formen der britischen Unterdrückung sind zahlreich, doch das große Bild ist niederschmetternd. Unter den Engländern fällt der Anteil Indiens an der weltweiten Wirtschaftsleistung von 23 % auf weniger als 4 %.
Indien liefert sowohl die Gewinne der englischen Industrie wie auch die guten Gehälter der Kolonialbeamten. Als die Engländer das Land 1947 in die Unabhängigkeit entlassen, ist es gespalten zwischen Muslimen und Hindus, ausgelaugt und weniger industrialisiert als Mexiko oder Ägypten.
Vom einstigen Reichtum Indiens ist außer den alten Gemäuern nur wenig geblieben. Einige Fürstenfamilien in Rajasthan konnten Ihre ehrwürdigen Paläste als Hotels in die Neuzeit retten, viele andere sind aber dem Verfall preisgegeben.



