Der wundersame Herr Gulbransson

Die Hauptattraktion Tegernsees ist ohne Zweifel das wunderschöne Kloster mit seiner Barockkirche und seiner herrlichen Terrasse des Herzoglichen Bräustüberls, der Publikumsmagnet schlechthin. Da wird leider gerne übersehen, dass hier auch dem großen Zeichenkünstler Olaf Gulbransson ein sehenswertes Museum gewidmet ist. Gulbransson war einer der prägendsten Illustratoren der europaweit berühmten Zeitschrift Simplicissimus, deren Karikaturen, insbesondere über den militaristischen Dünkel und Mief der Kaiserzeit, sich tief ins kollektive Gedächtnis (bis hin zum Gedächtnis französischer Gymnasiasten) eingebrannt haben.

Die unwahrscheinliche Karriere eines Norwegers in München. Als der junge Olaf 1902 in München ankommt, ist er als Skandinavier noch ein absoluter Exot. Geholt hat ihn der visionäre Verleger und Gründer des Simplicissimus (1896), Albert Langen, weil er von seinen Karikaturen und Buchillustrationen begeistert ist. Er erkennt sein großes Talent, aber es ist ein Wagnis: ohne große Sprachkenntnisse und ohne Vorstellung der Parteien, Persönlichkeiten und Grabenkämpfen des deutschen Polit-Zirkus dürfte es schwer sein, Karikaturen zu zeichnen. Doch es wird ein Erfolg, und was für einer! Von 1902 bis … 1944 (!) wird der Mann aus Oslo eine tragende Säule des „Simpel“!

Troll oder Seehund? In dem modernen Museumsbau (1966), diskret eingefügt in die bayrische Idylle in schöner Lage über dem See, wird der Besucher mit einer „echten Type“ konfrontiert. Viele Selbstporträts, schwarz-weiss Fotos und zwei gute Filme zeigen den Naturburschen in seinem Haus Schererhof am Tegernsee.
Eine geniale Beschreibung lieferte Professor Hans Maier, damaliger Staatsminister für Unterricht und Kultus, anlässlich seines 100. Geburtstags: „Er war schon zu Lebzeiten ein Fabeltier. Ein nordischer Troll, so hauste er am Tegernsee (…) eine Sagenfigur, bronzebraun von Erinnerungen, adamsähnlich im grünen Gärtnerschurz, ein Handtuch über dem kahlen Schädel; ein Weltbürger, urtümlich und soigniert zugleich, der hartnäckig behauptete, sein Vater sei ein Seehund gewesen“.

Der Exot an der Spitze der Akademie der Künste. Gulbransson pflegte schon früh sein Image als knorriger Sonderling aus den tiefen Wäldern des Nordens. Und trotzdem wird er 1929 Professor an der Akademie der bildenden Künste in München und Nachfolger des legendären Franz von Stuck. München und der bayrische Staat erkannten damit nicht nur sein außerordentliches Talent an, sondern sie zeigten auch viel Toleranz und Humor, um diesem Original mit all seinen Macken und Eskapaden, eine so exponierte Beamtenstelle zu übertragen. Dazu muss erwähnt werden, dass der etwas verschrobene Künstler auch ein perfekt vernetzter Weltbürger war, der mit einer Vielzahl berühmter Persönlichkeiten aus Kultur und Politik in Kontakt stand.

Die Nazis und die Satire. Dass die Nazis dieses Satireblatt als Hort der Agitation, jüdischer Umtriebe und „entarteter Kunst“ sofort dichtmachen, wäre zu erwarten gewesen. Doch es kam anders. Wie überall in Deutschland, mussten Juden verschwinden und es gab Spannungen mit den neuen Machthabern. Auch Gulbransson selbst wurde mit Dachau gedroht. Doch der Simplicissimus unterschrieb wie so viele andere Organisationen eine „Ergebenheitserklärung“, fügte sich also in die allgemeine Gleichschaltung und produzierte weiter – bis 1944 das Papier ausging.

Die erstaunliche Karriere des Herrn Gulbransson setzt sich fort bis zu seinem Tod, 86-jährig am Tegernsee (1958). Die Ausstellung gibt eine gute Vorstellung von der unglaublichen Bandbreite seiner Zeichner (und Maler) Kunst – mit unzähligen Varianten der Federführung. Er konnte sich natürlich bissig und derb zeigen, aber er konnte genauso zärtlich, respekt- und humorvoll sein. Zu den Porträts und Kinderbuch Illustrationen kommen später ausdrucksstarke Landschaften zu seinem Repertoire dazu.
Diese Fülle seiner Kreativität wird in der Ausstellung nicht in Lebens- oder Schaffensphasen geordnet, so dass es etwas zusammengewürfelt wirkt. Auch die Bedeutung seiner drei Frauen geht etwas unter und die langen Texte kommen nicht so recht zum Punkt. Daher ist das Gulbransson Buch im Museum (Karl Lipp Verlag. 16 €) eine gute Empfehlung für eine vertiefende Begegnung.
Der bayrische Staat als Eigentümer könnte im Rahmen seiner sehr aktiven Kulturförderung auch den Preis von 15 auf 10 € senken (auch wenn die meist sehr interessante Sonderausstellung inbegriffen ist), aber auch so ist es die Begegnung mit diesem Original und seinen Zeichnungen auf alle Fälle wert. Anschließend kann man noch die sehr schöne Klosterterrasse besuchen, unser gütiger Landesherr, Herzog Max in Bayern, freut sich immer über Besuch.