Rieti Sottosopra

Also, in Rieti geht’s drunter und drüber… Nein, nicht wirklich, aber es ist tatsächlich umwerfend, wie viel in diesem Städtchen steckt. Das kann man aber nur bei der mitreißenden Stadtführung von Rita (oben rechts) sehen und verstehen – und „Sottosopra“ ist ihr Motto. Rita Giovanelli sprudelt vor Begeisterung und schreibt ganze Bücher, ich kann hier leider nur einen kurzen Eindruck von ihren vielen Themen geben.

Sotto für Sotterranea – Also unterirdisch, es geht um das Wasser und einen unfassbaren Römerbau. Das Flüsschen Velino am Fuß der Altstadt hat nichts besonderes mehr, weil er von Menschenhand klein gemacht wurde. Doch hier, am Fuß der Abruzzen (Bericht unten), der Reatiner und Sabiner Berge, liegt das Wasserschloss Mittelitaliens. „La Zone più ricca d’acqua potabile d’Europa“ und die Römer haben es geschafft, dieses Trinkwasser durch Tunnel in die 80 Kilometer entfernte Hauptstadt zu führen. Und zwar in solchen Mengen, dass statistisch jeder Römer über 600 Liter Wasser verfügen konnte. Ein erstaunlicher Luxus! Und bis heute profitieren die Touristen in Rom von diesem kostenlosen Brunnenwasser! Doch die Bauleistung der Römer in Rieti selbst ist noch erstaunlicher.

Als die Römer 290 v. Christus diesen Ort erobert haben, lag das Städtchen der Sabiner auf einer Kalksteininsel, umgeben von Flussarmen und Sümpfen. Die Römer hatten übrigens ihren „Raub der Sabinerinnen“ nicht vergessen und erkannten dies auch an: der Name Rieti ist von „Stadt der Mütter“ abgeleitet. Da der Ort aber auf der Lebenswichtigen Via Salaria (Salzstrasse) lag wollten sie sicherstellen, dass die Transporte immer sicher bis zum Forum kommen. Dafür wurde eine lang ansteigende Brücke über Velino und Feuchtgebiete bis zur festen Kalksteininsel gebaut (große Zeichnung oben).
Rita führt in die Stadt hinein, zur Rückseite von Häusern an der Hauptstrasse, heute Via Roma. Hier sieht man, dass die Häuser noch im 18. Jahrhundert im Wasser standen, die Portale waren so gebaut, dass Flachboote einfahren kommen, wie man es von Venedig kennt. Geht man rein und weiter kommt man von Hauskeller unter die Hauptstrasse, unter die Bögen der Römerbrücke. Sie standen teilweise im Wasser, teilweise im trockenen, tragen aber bis heute die Hauptstrasse bis zur ehemaligen Stadtmauer. Diese Räume wurden über Jahrhunderte für alles Mögliche genutzt, während des Krieges waren Ritas Eltern hier im Luftschutzkeller.
Auftrag an den Bauingenieur: bauen Sie uns ein Brücke die garantiert – kleiner Kompromiss – auch nur 1000 Jahre hält, die Pfeiler stehen in einem Sumpf der auch austrocknen kann, zu rechnen ist weiter mit heftigen Erdbeben sowie mit Wasserinfiltrationen von oben und von den Seiten. Sie muss Salzkaravanen aushalten, aber auch Lastwagen und schwere Baumaschinen…
Der römische Ingenieur konnte das! Kein Stein wackelt oder gibt nach! Unfassbar!

Sopra. Rieti Oberirdisch. Unter dem Brückenbau geht es nahtlos weiter in den Keller des Palazzo Vecchiarelli, direkt an der Hautstraße. Über zwei Treppen unter prachtvollen Gewölben geht bis zum Innenhof des Palasts, der als Konzertraum ausgestaltet wurde. Dieser Luxus liegt daran, dass sich die Päpste in unruhigen Zeiten hierher zurückgezogen haben, nicht zu weit von Rom, günstig gelegen an der Via Salaria. Deshalb auch die Pracht der Basilica Cattedrale (1225) und des Papstpalastes nebenan (Bau von 1283 bis 1288). Aufgrund der italienischen Wirren mussten die Päpste dann weiterziehen in die Provence (Avignon), aber im Lazio (Latium) ist es bekanntlich noch schöner….
Dem Papst ist der Hof nach Rieti gefolgt mit hohen Beamten und Künstlern. Für sie wurde die Stadt ausgebaut, auch von Venezianern, die wussten, wie man einen Wald von Stämmen in den Sumpf setzt und Paläste darauf baut. Bevor das Wasser in der Region stärker kontrolliert wurde, hatte Rieti so viele Kanäle, dass man von „Süßwasser Venedig“ sprach.

Rieti mit Rita Giovanelli ist einfach ein Erlebnis per se. Sie versprüht so eine Begeisterung, so eine Liebe zu ihrer Stadt und ihrer Geschichte, dass es eine Freude ist, ihr zu folgen. Das ist Italien, in jedem Ort gibt es so viel Unerwartetes zu entdecken! Auch der Colonelle (Oberst, Bild ganz oben) ist ganz begeistert von ihr, aber die Paradeuniform trägt er nicht für die Führung, sondern weil der 2. Juni Festa della Repubblica ist. Rita hat noch viel zu erzählen, was man nicht im Internet oder Reiseführer findet, von Kaiser Vespasian, vom „Nabel Italiens“ und vieles mehr. Keine Frage, Rieti mit Rita muss man unbedingt selbst erleben!

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