Da träumt man noch so halb… heute noch zur Fortezza Medicea (die Burg) bevor es weitergeht oder auch noch zu Vasari? Wacht auf… und ist schon in München! Bei Regen! Arezzo war die letzte Etappe. Zeit also für einen Radtour-Rückblick – zum Thema Italien und Hintergrund folgt hier noch das eine oder andere.
Nach dem schönen Apulien Intermezzo mit dem Auto erfolgt der Neustart in der Hafenstadt Barletta (nördlich von Trani). Mit seinem Kreuz sieht der Colosso di Barletta so aus, als wolle er Christen in den Kreuzzug führen, ist aber ein römischer Kaiser, wohl im 5. Jahrhundert gegossen, der seit dem 13. Jahrhundert die Menschen hier anzieht. Mit seinem Segen geht es jetzt der Küste entlang nach Norden, vorbei an den unendlichen Sandstränden und hübschen Lidi und Clubs von Margherita di Savoia, dann den geschichtsträchtigen Salinen entlang, die mit 20 Kilometern Länge zu den größten Europas zählen.

Im großen Fischerhafen von Manfredonia (von Friedrichs II Sohn gegründet) höre ich, dass die Fischbestände so erschöpft sind, dass es für die wirtschaftliche Zukunft richtig duster aussieht. Dann geht es die Abhänge des Gargano hoch nach San Giovanni Rotondo zu Padre Pio (Bericht unten) . Die anschließende Etappe über dieses Kalkgebirge nach Rodi Garganico im Norden, mit sehr ruhigen Straßen über sanfte Höhen, durch tiefe, traumhaft lichtgrüne Wälder ist Balsam für die Seele.


Der Küste entlang ist es ein Katzensprung nach Peschici, wo die steile Kalksteinküste des Gargano ihre Pracht entfaltet, türkisblaue Buchten an weißen Klippen. Diesen Südseetraum verlängere ich auf den Isole Tremiti. Dort lohnt auch sehr der Aufstieg zur Abbazia-Fortezza auf dem Inselchen San Nicola, ruinös aber desto ergreifender. Und weiter mit der Fähre ins nette Termoli (Molise. Nein, die Mini-Region Molise muss man nicht kennen, ihre Gründung ist eher ein politischer Unfall von 1964). Dort treffe ich einen Schweizer Radfahrer, der ganz happy ist, dass es von hier bis Venedig der Adria entlang nur noch flach weitergeht. 600 Kilometer der Küste entlang, selten mit schönem Blick aufs Meer aber ständig mit den gleichen Ortschaften, Supermercati, Lidi und Lidls, Tankstellen und Werbungen? Nein Danke, allein Kilometer machen kann es nicht sein. Ich habe schon Küsten genug gesehen, nehme den Zug bis Roseto degli Abruzzi, nördlich von Pescara (weil Pescara nicht lohnt).


Abruzzo! das italienische Sibirien, die Wälder voller Wölfe, der Gran Sasso d’Italia (2912 m), die Skipisten von Campo Imperatore (wo mein Vetter Max, der verwöhnte Fratz, schon als Medizin Student in Chieti ausgestattet mit Cabrio Skifahren durfte… womöglich noch mit italienischer Freundin… nur kein Neid Karl, kein Neid!), das Ganze auf der Höhe von Rom.
Diese Abruzzen sind mir wichtig, stehen mir aber auch ziemlich bevor. Es werden drei Radttage, der erste weg vom Pinien gesäumten Strand von Roseto rechts die Hügel hoch, schon bald mit Blick auf die Schneeberge. Zwei Wanderer erzählen später, dass auf einer der klassischen Gratwanderung Anfang Juni noch 2,5 Meter Schnee liegen! Übernachtung in einem Albergo an der Straße. Morgens noch ganz hoch zum Passo delle Capannelle (1300 Höhenmeter sind schon geschafft), dann geht es nochmal 200 Meter bergauf Richtung Fonte Cerreto, wo die Funivia zum Campo Imperatore 98 Tage geschlossen ist, weil die Trägerseile erneuert werden, was Fräulein Gugl auch wieder nicht wusste… und runter nach l’Aquila (Bericht unten). Bis Rieti bleibt es eine richtige Berglandschaft mit Bergen und tiefen Wäldern, und noch ein fieser Pass Sella di Corno (wieder hoch auf 1005 m). Schon sportlich, aber lohnend mit wohltuend schönen Landschaften.

Rieti liegt ungefähr auf der Höhe von Viterbo, nördlich von Rom. Von hier bis Florenz liegt die wohl schönste Region der Welt: Mittelitalien oder „Erweiterte Toscana“ (weil Teile des Lazio und Umbriens dazugehören). Hier entfalten sich die schönsten Reisemöglichkeiten, zwei Radreisen durfte ich hier schon machen, habe aber vieles wieder vergessen, weil es damals noch keinen Blog gab, um Dinge festzuhalten. Abends ging statt bloggen eben auf die Piazza, das hatte auch was…
Diesmal geht die Fahrt nach Norden über Rieti nach Spoleto und weiter nach Assisi (Bericht unten) und am Lago Trasimeno vorbei nach Arezzo. Wunderschöne Landschaften, im Charakter sehr abwechslungsreich, aber in Italien gibt es viel zu viel zu sehen! Allein auf dieser Strecke habe ich beispielsweise Terni, Trevi und vor allem Cortona ausgelassen! Man müsste sich hier dreimal so viel Zeit nehmen (wobei 20- Kilometer Etappen auch nicht stimmig sind). Jede dieser Etappen-Städte war eine Entdeckung, ein Erlebnis und ein Genuss.
Und wenn ich sehr lange und sehr angestrengt wie immer nachdenke, finde ich vielleicht noch eine neue Strecke für einen kleinen Giro d’italia del 2026...
Die Radtour in Zahlen
Seit Apulien: rund 560 Kilometer – 10 Radtage.
Seit Tourstart in Trapani (Sizilien) rund 1400 Kilometer – 23 Radtage
(inkl. mini Etappen wie Rido Garganico- Peschici)
1400 Kilometer, das entspricht genau der Strecke vom Brennero bis zur Stiefelspitze in Reggio Calabria, also ganz Italien bis Sizilien.
Oder der Strecke von Trento bis Palermo (das wären knapp 100 Kilometer mehr)
Die beste Zahl ist 0. Null Rad-Panne, 0 Feindberührung, 0 Sturz, 0 größeres Problem!
Die Zahl der Herausforderungen allerdings ist relativ hoch, aber man kann nur glücklich und dankbar sein, wenn alles so gut gelaufen ist.

