Matera, an der Oberfläche

Photographiert wird auf alle Fälle sehr viel. Die Handys glühen sogar. An den bekannten Belvederen oberhalb der Sassi (der Altstadthügel) wird sogar geschubst, um den besten Platz zu ergattern. Spektakulär, wie die rauen Steinhäuser sich übereinander aufbauen, man denkt spontan an alte Darstellungen des himmlischen Jerusalem. Alles ist wunderbar verkastelt, ständig zeigen sich neue Details und Perspektiven. Ja, das Unesco Weltkulturerbe kann ausgiebig geknipst werden. Dabei kann aber leicht das Besondere, das Wesen dieser Stadt nicht wahrgenommen und verstanden werden.

Die Touristen haben ja auch bei diesem kurzen Besuch viel im Kopf: passt mein Kleid für die Selfies? Ist das richtige Restaurant für heute Abend gebucht? Habe ich schon ein gutes Foto von der Ape-Cabrio? Wie komme ich jetzt zu der Kathedrale rauf? Kann sie jetzt nicht warten, bis ich die Katze photographiert habe? Und so vergeht der Besuch. Was bleibt – zumindest bei den meisten, die keine Stadtführung hatten – ist der Eindruck einer sehr ausgedehnten, wunderschönen mittelalterlichen Stadt, so um 1200-1400.

Das geht aber am Wesen Materas völlig vorbei. Das einzigartige an Matera sind die Höhlen oder, wie die Unesco schreibt „eine der unglaublichsten organisierten Stadtstrukturen auf der Erde, ein absolutes Meisterwerk des Geistes und der Anpassungsfähigkeit“. Am Hang gegenüber sieht man, wie alles angefangen hat: in Kalksteinhöhlen, die bis heute ununterbrochen bewohnt wurden!

Spektakulär schön und bewegend sind die Steinkirchen. Eine Negativ-Architektur mit einfachsten Mitteln, also nicht aufgebaut, sondern aus dem Stein herausgearbeitet, wie man es zum Beispiel auch von den Tempeln in Petra in Jordanien kennt. Und leider muss man feststellen, dass die Café Terrassen schön voll sind, die Kirchen aber meist gähnend leer. Das Motto ist wohl „Bezahle keinen Eintritt für eine Kirche, wenn Du für das Geld auch einen Aperol-Sprizz bekommen kannst“ (ein großartiger Marketingerfolg der italienischen Lebensmittelindustrie übrigens).

Eindrucksvoll auch der Palombaro Lungo, eine gigantische unterirdische Zisterne, 16 Meter tief, 50 Meter lang, 5 Millionen Liter Fassungsvermögen. Als sie Anfang der 90er Jahre wiederentdeckt wurde, staunte der Architekt über diese „Cattedrale dell‘ acqua“. Die Sassi verfügten über ein hoch raffiniertes Wassermanagement, um alle das ganze Jahr hindurch zu versorgen.

Am bewegendsten sind aber die Museen wie das Museo Laboratorio della Civiltà contadina oder eine der Cava Grotta. Es sind die normalen Wohnhöhlen, mit einer Tür und vielleicht einem Oberlicht als einzige Öffnung. Hier lebten Großfamilien mit ihren Tieren, dem Esel, den Hühnern und manchmal dem Schwein… Fast kein Licht, kein fließend Wasser, wenig Luft, alles heute schwer vorstellbar. Deshalb beschloß die Regierung Alcide de Gasperis 1952 die Sassi aufzulösen. Es wurden in der Neustadt moderne Wohnungen gebaut. Doch ein alter Materaner erzählt uns, dass viele nicht gehen wollten, sie wollten bei ihren Tieren bleiben. Deshalb wurde später noch eine weitere Siedlung mit Ställen gebaut.

Dann verfielen die Sassi. Man nutzte sie nur noch, um alles mögliche abzustellen, er selbst spielte dort als Kind mit seinen Freunden. Die Rettung, für die Sassi und für das damals ärmliche Matera, war die Unesco. Sie sorgte dafür, dass dieses einzigartige Erbe gerettet wurde. Es war eine Hercules-Arbeit. „Aber natürlich sagen wir es auch heute mit etwas stolz, es ist für unsere Stadt eine große Erfolgsgeschichte. Und viele haben dadurch heute Arbeit“. Fehlt nur noch, dass etwas mehr Touristen sich die Arbeit machen, eine Höhle zu besichtigen, um Matera ganz zu sehen und zu verstehen.