Das war eine überraschend intensive Begegnung mit unserer jüngeren Geschichte – und das mittendrin im fröhlich-sommerlichen Touristentrubel des neuen Matera. Bei Donato Cascione, in seinem Museo Laboratorio della Civiltà Contadina, taucht man unvermittelt ein, in das Matera der Jahre 1900-1950. Eine Welt in schwarz-weiss mit harten Werkzeugen. Sie scheint Lichtjahre entfernt, für junge Erwachsene wohl völlig fremd.


Ja, so wurden früher Schuhe gemacht und Messerschleifer war auch ein Beruf. Die Werkzeuge des Steinmetz oder des Seilemachers sind recht anschaulich. Die Handwerker haben hier früher in den Kalkstein geschlagenen Höhlenräumen, wie die des Museums, mit ihren Familien gelebt. Ausser durch die Eingangstür gab es in diesen Höhlen kein Lichteinfall und für die großen Familien war es mehr als eng…
Donato Cascione hat schon als Kind fasziniert, wie Handwerker aus Bari kamen und Teller und ähnliches repariert haben. Er will mir die trepanazione (das Bohren) zeigen, mit einen Bohrer, der von einer Spindel beschleunigt wurde. So es schon die Römer kannten. Sechs Löcher wurden gebohrt – das geht nur bei der richtigen Temperatur – und der Teller wurde anschließend mit großem Geschick mit Draht wieder zusammengefügt. Stolz zeigt er mit den geflickten Teller, als hätte er ihn gerade selbst repariert: „da, absolut glatt, nichts, was den Löffel stören würde“.


Als junger Mann hat er es mit dem Schlafsack bis nach Paris geschafft, obwohl kein Geld da war, um die Museen zu besuchen. Er durfte einen ordentlichen Beruf lernen (ho fatto il geometra) und hat sogar 1968 an der Metropolitana di Monaco (die U-Bahn München) gearbeitet. Am Aufbau seines eigenen Museums hat er 30 Jahre lang gearbeitet, 1998 wurde es eröffnet. Auch das Zimmer eines Priester mit allen Büchern ist zu sehen – und die Dorfkneipe.
Man findet auch Fotos von den Frauen, die bezahlt wurden, um bei Beerdigungen wehzuklagen, aber auch der Engelmacherin, die bei Abtreibungen half. Etwas befremdlich, aber typisch für den abergläubischen Süden den Carlo Levi beschreibt, die „Maga“, Hexe würde man vielleicht sagen, die auch Menschen von einem Fluch befreien konnte. Man sieht den Lumpensammler und diejenigen, die in der Not nach der Vereinigung Italiens unter die Räuber gegangen sind. Da versteht man, dass die Werbung für das Dampfschiff (a due eliche e due Macchine) der Linie Napoli – New-York für viele verlockend war. Raus, in eine neue Welt!

„In Matera haben einige mich kopiert“, beklagt er. Tatsächlich zeigen andere „Museen“ den Touristen wie früher in den Höhlen der Sassi gehaust wurde. Zum Teil mit dem Esel und den Hühnern in den engen Räumen!
Ma fanno schifo. Manca il mondo del lavoro. Es fehlt die Welt der Arbeit, sagt Herr Cascione, und er hat so recht. Nur diese harte Wirklichkeit der damaligen Berufe lässt das alte Matera in seiner Härte erahnen – und uns dankbar genießen, dass diese Verhältnisse Lichtjahre entfernt scheinen.

