Ist das vielleicht etwas gemein, oder? Kaum sind die ersten 60 Kilometer an der wunderschönen Küste Kalabriens geradelt, und schon wird wieder die Mafia erwähnt… Aber lasst uns erst die touristische Postkarte anschauen: benvenuti in Calabria! Schon kurz nach dem Fährhafen von Villa San Giovanni ist der erste Lungomare am Stretto di Messina ein Genuss.
800 Kilometer zählt die Tyrrhenische Küste und entsprechend viele Traumblicke hat sie zu bieten. Der subjektive Eindruck der ersten zwei Tage ist, dass Kalabrien freundlicher, bunter, eher wohlhabender als Sizilien ist. Das liegt sicher daran, dass viel mehr Häuser verputzt und bunt gestrichen sind, es gibt auch mehr Gärten, mehr Terrassen und Cafés – scheint mir jedenfalls.
Die perfekte Postkarte ist Scilla, ein wunderbares Dorf mit zwei Gesichtern. Erst die weite Bucht mit smaragdgrünem Wasser und der bunten Kulisse des Dorfs mit einer Burg im Hintergrund. Dann spaziert man um die Klippe herum auf die andere Seite, da schmiegt sich das Fischerdorf an die Felsen, die Häusern mit den Füßen im Wasser und mehreren kleinen Hafenbecken mit bunten Barken dazwischen. So eng, dass die Restaurant-Terrassen auf Stelzen stehen, da bestellt man gerne seinen Fisch. Ganz klar ein Muss!

Leider ist es noch zu früh hier ein Zimmer zu suchen. Weiter also nach Gioia Tauro, das eine wichtige Handelsvertretung der archaischen Stadt Metauros war (Museum in Zentrum). Allerdings ist dies kein Ort für Touristen. Ich wollte gerne hier halten, weil ich zufällig vor ein paar Monaten einen Mafia Film aus Sicht einer einfachen Familie von hier gesehen hatte. Ich fand ihn sehr bewegend und wollte die Kulisse dieses Films erleben. Früher New-York, heute Gioia.
Der Film „A Chiara“ von 2021 (Nicht Chiara allein, der ist Franziskus‘ Lieblingsheiliger gewidmet) erzählt von der ‚Ndranghetta (die kalabresische Mafia) aus Sicht der jungen Chiara. Ihre Welt bricht zusammen, als ihr Vater untertauchen muss und klar wird, dass er für die Mafia arbeitet. Es ist ein Schock, doch sie ist eine Kämpferin. Sie wird die Mauer des Schweigens brechen, die dunkle Wahrheit der Drogengeschäfte verstehen, und ihren eigenen Weg gehen.


Ich fand den Film, besonders die Hauptdarstellerin Samy Rotolo und ihre Familie, Laiendarsteller aus dem Ort, sehr überzeugend. Der Streifen hätte eigentlich überall gedreht werden können, doch der Italo-amerikanische Regisseur Jonas Carpignano lebt vor Ort. Und es passt. Gioia Tauro wirkt tatsächlich ärmlich, gezeichnet von wirtschaftlichem Niedergang. Es gibt zwar einen Lungomare, der steht aber im Schatten von Gewerberuinen, wirkt trist und vernachlässigt. Es passt auch, dass die Stadt den größten Containerhafen Italiens hat, den neuntgrößten in Europa. Das Suchwort Gioia Tauro bringt auch schnell zwei Medienberichte der letzten Monate: Mega Kokain Fund im Hafen, und raffineria di cocaina in einem landwirtschaftlichen Betrieb ausgehoben… Keine Frage, so ein Hafen ist für die ‚Ndranghetta und den Drogenhandel ein unumgänglicher Umschlagplatz. Der Mafia Hintergrund ist keine Fiktion, aber Drogenhandel und organisierte Kriminalität gibt es ja bei uns auch. Diese Erzählung schadet der Stadt mit dem schönen Namen auch nicht, weil die Touristen sowieso nur weiter nördlich halt machen, an der Costa degli Dei, mit Stromboli im Hintergrund.

