Palermo und die rosarote Brille

Trägt der Autor immer diese rosarote Brille, will er uns sein Italien immer nur in den fröhlichsten Farben zeigen? Sieht natürlich schon sehr gut aus, die Brille, muß man zugeben…
Aber man sieht auch im Hintergrund des Fotos ruinöse Häuser mitten im Altstadtviertel Ballarò. Mich beschäftigt tatsächlich bei aller Italien-Begeisterung, wie ich die Falle des verklärten O Sole mio, dolce Vita e Amore vermeiden kann.

In Palermo ist der Widerspruch zwischen schönen Bildern und touristischen Hypes einerseits und der Lebensrealität vieler Menschen andererseits besonders groß. Man sollte aber schon beide Seiten der Medaille sehen. Unser Blick, der Blick der deutschen Reisenden spätestens seit Goethe und der Grand Tour der Bildungsbürger des XIX. Jahrhundert ist per se romantisch verklärt. Und auch für die Nachkriegsgenerationen seit den 60ern steht Italien wie kein anderes Land für Urlaub, Entspannung, Sonne, etwas Kultur und viel gelato. Mutterland der Schönheit ist es ja schon seit der Renaissance… Könnte man trotzdem etwas differenziert auf das Land blicken?

Die Logik der Bildauswahl, im Blog wie in der Zeitschrift, ist letztlich beschönigend. Natürlich will man nur die Schokoladenseite zeigen. Wenn eine Baustelle, eine Bausünde, ein Fast-food oder ein Obdachlosencamp im Bild ist, wird es aussortiert. Das habe ich Jahrzehntelang im Verlag selbst gemacht. Wobei die Vorauswahl des schönsten Anblicks schon beim photographieren gefallen ist. Für Palermo muss man trotzdem versuchen, beide Seiten zu sehen, deshalb auch etwas andere Photos.

Es ist keine Frage, Palermo ist heute eine faszinierende Stadt. Touristen lieben sie, in diesen Tagen hört man am Dom (oben) besonders viele Franzosen und Spanier. Es ist eine beeindruckende Renaissance, ein neuer Aufschwung! Anfang der 80er Jahre war Palermo ein düsteres und gefährliches Mafianest, das ich völlig zurecht umgangen habe. Doch die Stadt hat sich gefangen. Symbolhaft dafür steht das Teatro Massimo (eine der größten Opern Europas, bekannt durch Coppolas Film Der Pate). Sie wurde 1974 für kleinere Renovierungsarbeiten geschlossen und versank dann ins korrupte und Mafiöse Untergangsdrama der ganzen Stadt. 1997 wurde sie wiedereröffnet und zieht Touristen aus aller Welt an. Palermo hat unendlich viel zu bieten, Paläste, Kirchen, Museen… viel mehr als moderne Touristen wahrnehmen können (mehr als 2 Kirchen täglich dürfen es nicht sein).

Doch Jahrzehnte des Niedergangs und der Wirtschaftskrise sind nicht von heute auf morgen überwunden. Unzählige prächtige Paläste warten auf ihre Rettung. Die Touristen erfreuen sich gerne an der „Ursprünglichkeit“ und Stimmung, so wie man sich an den Handwerkern im arabischen Bazar freut. Alle wollen mittags auf den Markt von Ballarò, der schon den Markt Vucciria abgelöst hat (weil dort schon viel renoviert wurde). So wird auch dieser Markt der Einheimischen gerade zur Kampfzone der Touristen, die eben essen und trinken wollen, also ja, genau wie in Marrakech. Doch am Abend bekommen die ärmlichen Gassen schon etwas unheimliches, da sind die Touristen doch lieber in ihren schicken Hotels.

Das hässliche Gesicht der bitteren Armut taucht in einigen Ecken Palermos auf. Der Überlebenskampf vieler Menschen ist spürbar und sichtbar. Gewiss sehen viele Wohnungen innen besser aus, als es die Fassade vermuten lässt. Doch man sieht auch, wie Menschen gekleidet sind, was sie auf dem Trödelmarkt suchen oder verkaufen, in welch miserablen Kabüffchen sie versuchen, ein paar Euros zu verdienen. Wie viele Migranten einfachst überleben. Auch die untersten Wohnungen eines ehrwürdigen Palasts können Slums sein.

Photographieren konnte ich das nicht wirklich. Wo nur Armut und Leere sind, gibt es wenig festzuhalten und natürlich will man kein Voyeur sein, keinen belästigen. Also wirklich, es photographiert sich leichter mit der rosaroten Brille, also mit dem schönen und touristischen Palermo im Fokus.